Wie immer habe ich mir schon länger vorgenommen mal wieder was von mir hören zu lassen, aber wie immer bin ich nicht dazu gekommen, dabei gab es so viele Dinge, die mich aktuell beschäftigen. Von dem Start in mein drittes Jahr an der DEO, über das eigene Lehrerleben bis hin zu der für mich vollkommen unverständlichen Haltung von Deutschland bezüglich der Tragödie in Moria. Aber das kommt sicherlich später mal. Heute soll es um meinen ersten Geländelauf gehen, dem Trailmaster in Wadi Degla, den ich heute gelaufen bin. Hier folgt nun mein ausführlicher Laufbericht:
Der Trailmaster sollte im wüstenähnlichen Naturschutzgebiet in Wadi Degla stattfinden. Meines Erachtens war es der erste seiner Art in Kairo beziehungsweise Ägypten. Da ich selbst noch nie in Wadi Degla war, war das die perfekte Möglichkeit Sport und Sightseeing verbinden zu können. Zur Auswahl standen Läufe über 5, 10 oder 21 Kilometer. Selbstverständlich habe ich mich für die Halbmarathondistanz entschieden. Durch meine ausführliche Fahrradtour im Sommer und mein nun doch regelmäßiges und gesteuertes Lauftraining hier in Kairo, fühlte ich mich eigentlich gut vorbereitet. Ziel war es, eine annähernde Zeit wie in den bisherigen Läufen zu erreichen und falls möglich, im ersten Drittel der Teilnehmer zu landen. Hier nun der Bericht des Tages:
04.30 Uhr – Der Wecker klingelt. Ich frage mich kurz, wie zur Hölle ich immer wieder auf solche Ideen komme. Aber kurze Zeit später setzt die Vorfreude und Anspannung ein und ich springe regelrecht aus dem Bett (okay eventuell kann man es auch kriechen nennen, aber wollen wir mal nicht so sein)
05.00 Uhr – Ich frühstücke eine Banane und einen Kohlenhydratriegel. Mehr bekomme ich nicht runter. Mein Körper scheint sich mittlerweile sehr gut an das Intervallfasten gewöhnt zu haben.
05.30 Uhr – Ich sitze im Uber. Der Fahrer scheint ein Fan von Need for Speed zu sein. Zumindestens ist seine Fahrweise ungefähr die gleiche, wie die, die ich am Computer immer hatte.
05.55 Uhr – Ich erreiche den Startpunkt. Alles scheint gut organisiert. Alle tragen Masken und die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Ich hole meine Startnummer ab. Den mitzubringenden, unterschriebenen Zettel habe ich natürlich vergessen. Malish. Natürlich liegen Zettel noch aus, die ich unterschreiben kann. Manchmal liebe ich Ägypten.
06.10 Uhr – Ich versuche mich so langsam auf den Lauf vorzubereiten. Kopfhörer rein, Startnummer befestigen. Zwischendurch stelle ich fest, dass ich meine Laufhose auf Links anhabe. Jaaaaa, kann ja mal passieren. 😀
06.25 Uhr – In 5 Minuten geht es los. Warum so früh fragt sich der deutsche Leser? Ganz einfach, jede Minute später und man würde gegen Ende des Laufes ein bisschen mehr gebraten werden. In Ägypten ist es immer noch so warm, dass das Thermometer spätestens um 9 Uhr 35 Grad Celsius anzeigt und die Sonne fast im Zenit steht. Und für mich Milchschnitte, die natürlich Sonnencreme vergessen hatte, ist das eher suboptimal.
06.30 Uhr – Es geht los. Ich versuche möglichst weit hinten zu starten. Aus dem folgenden einfachen Grund, am Ende möchte ich mehr Läufer überholt haben, als solche die mich überholt haben. Und wenn es nur ein Einziger ist.
Kilometer 2 – Ich komme gut in den Lauf, habe mich im Feld recht weit vorgearbeitet. Finde einen Laufpartner, der das gleiche Tempo wie ich läuft. Beine fühlen sich entspannt an. Der Untergrund ist uneben aber fest. Die Knie freuen sich, die Knöchel weniger. Was bereits jetzt nervt; der Gegenwind.
Kilometer 5 – Ich kannte ja das Profil der Strecke – die ersten 10 Kilometer ging es prinzipiell nur bergauf. Nur geringfügig aber trotzdem um die 100 Höhenmeter. Zwischendurch gibt es zwei knackige Hügel zu überwinden. Ich laufe über diesen, noch relativ problemlos. Alles ist gut.
Kilometer 6 – Der Wind nervt. Gefühlt ist es ein kleiner Orkan, der einen kaum von der Stelle kommen lässt. Ich komme zum Entschluss, dass ich niemals meine bisherigen Zeiten schlagen kann. Aber macht nichts. Ich versuche einen Rhythmus zu finden, auch wenn das bei dem Untergrund recht schwierig ist.
Kilometer 7 – Rhythmus finden wird unmöglich. Der Untergrund ändert sich. Es wird sandiger. Ich höre meine Knöchel weinen. Laufen wird immer schwieriger. Es kostet unendlich viel Kraft sich durch die Passagen mit den tiefen Sand zu kämpfen. An Stellen ohne Sand läuft man auf Gestein, welches so uneben ist, dass man extrem aufpassen muss.
Kilometer 8 – Ich verzweifle. Der Sand macht mich verrückt. Gerade mit meinem Gewicht sinke ich gefühlt bis zu den Knien ein. Mir bleibt nicht anderes übrig als möglichst feste Stellen zu finden, wo ich laufen kann. Der Führende kommt mir bereits entgegen.
Kilometer 10 – Es wird wieder fest. Ich gewinne Energie und kann einige Läufer distanzieren. Durch die Wende kann ich zählen, auf welchen Patz ich ungefähr bin.
Kilometer 10,5 – Wende. Ich fühle mich fit. Beine sind top. Die Luft ist auch da. Ab jetzt geht es bergab und es gibt Rückenwind. Ich habe ein Lächeln im Gesicht. Meiner Schätzung nach, bin ich irwo um Platz 20. Ich bin begeistert. Ziel für den Rückweg, den Platz verteidigen, eventuell noch ein paar Plätze gutmachen.
Kilometer 12 – Ich habe immer noch mein Hoch. Das Laufen fällt mir leicht. Drei Läufer befinden sich ungefähr 100 m vor mir. Ich kann die Distanz konstant halten. Hinter mir jedoch eine Herde von Gazellen, die versuchen mich zu überholen. Ich darf mir keinen Fehler erlauben. Ich kann aber immer noch Lächeln.
Kilometer 13 – Meine Kopfhörer gehen aus. Ich bin auf mich allein gestellt. Ich habe mein Lächeln verloren. Es wird schwerer. Ich spüre den Atem der Laufpferde hinter mir, in meinem Nacken.
Kilometer 15 – Wieder hoch auf den ersten Hügel. Ekelhaft. Schmerzhaft. Abartig. Aber iwie quäle ich mich hoch und kann sogar einen Läufer überholen.
Kilometer 16 – Der Wind flacht ab. Es wird unfassbar warm. Ich fühle mich wie in einer Sauna in der man joggen geht. Wer kennt es nicht? Die hinterherlaufende Bisonherde kommt gefühlt immer näher. Ich nehme den Kampf an und versuche das Tempo für die letzten 5 Kilometer so hoch wie möglich zu halten.
Kilometer 18 – Die Beine sind erstaunlich gut. Noch nie waren meine Beine zu einem solchen späten Zeitpunkt noch so gut. Die Luft ist eigentlich auch gut. Nur die Hitze macht mir immer mehr Schwierigkeiten. Der letzte Anstieg steht an und ich fühle eine gewisse Benommenheit. Aber ich muss kämpfen, wenn ich nicht von der von hinten nähernden Mustangherde überholt werden möchte.
Kilometer 19 – Ich werde überholt. Zweimal. Ich versuche mein Tempo zu halten. Und das Ding entspannt durchzuziehen.
Kilometer 20 – Es nähern sich weitere Läufer. Mein Ehrgeiz lässt nicht zu, so viele Plätze so spät im Rennen zu verlieren. Ich setze zu einem Sprint an. Gefühlt ist dieser Sprint ungefähr mit dem von Usain Bolt zu vergleichen. Realistisch waren es 4:10 min für den letzten Kilometer. Ich bin stolz auf mich.
Kilometer 21 – Ich verteidige meinen Platz. Komme ins Ziel und höre; „Captain Ri – Rig – Rigarrrdo Sch – Schmidt is finishing the Trailmaster 21k run“ Noch nie klang mein Name so falsch so schön.
Am Ende bleibt mein beeindruckendster Lauf soweit. Auch wenn der Untergrund unfassbar anstrengend war, hat es den Lauf für mich auch total bereichert. Die Natur war natürlich traumhaft. Am Ende bin ich vollkommen zufrieden. Ich bin 23. von insgesamt 108 Leuten geworden. Die Zeit war nur 5 Minuten langsamer als im März, bei deutlich schwierigeren Bedingungen. Und das beste – ich sitze nun am Computer und habe keinerlei Muskelkater oder ähnliches.