Zur großen Überraschung aller, gibt es bereits nach 10 Tagen schon den nächsten Eintrag, ich bin ziemlich stolz auf mich. Wenn ich so weiter mache, kann ich die Leserzahl vielleicht doch mal in den zweistelligen Bereich hieven. Diesmal möchte ich euch mit in eine fiktive, digitale Unterrichtsstunde per Videokonferenz nehmen. Doch zu Beginn gibt es ein kleines Highlight. Also seid gespannt.
Aktuell liege ich mit leichten Sonnenbrand und etwas schweren Beinen in meinen Hotelzimmer in El Gouna und erhole mich vom vermutlich letzten Halbmarathon für dieses Jahr. Dieser hat soeben hier in Gouna, direkt am Roten Meer, stattgefunden. Wer Gouna nicht kennt, dies ist ein Ort ungefähr 25 km nördlich von Hurghada. Im Gegensatz zu Hurghada scheint mir hier der Fokus nicht so sehr auf Touristen aus Russland und Deutschland zu liegen, sondern vielmehr ein Urlaubsort für wohlhabendere Ägypter. Aber ich lasse mich gern eines besseren belehren. Auf alle Fälle ist der Ort echt wunderschön und hier sollte nun am heutigen Tag, mein letzter Versuch für einen Halbmarathon stattfinden. Diesmal fasse ich mich kurz und sage einfach gleich das wichtigste: Ich hatte meine Laufhose sofort richtig an.
Vorgenommen hatte ich mir eine Zeit von unter 1 h 45 min. Damit wäre dies automatisch auch mein schnellster Lauf für dieses Jahr gewesen. Als ich 07.30 Uhr mein Hotelzimmer verlassen habe und ich die Sonne spürte, kamen mir bereits die ersten Zweifel, da es schon wieder unfassbar warm war. Zufällig lag der Startpunkt genau neben meinem Hotel, weshalb ich mich ohne Eile Warmlaufen konnte. Da insgesamt 270 Läufer am 21k Lauf teilgenommen haben, habe ich mich wieder dazu entschlossen, von ganz hinten zu starten, um dann wieder die anderen überholen zu können. Die Entscheidung war Gold wert, ich wurde im gesamten Rennen von keinem 21k Läufer überholt. Auch begann ich vom Start weg, mich mit Wasser abzukühlen, dies war meine Lehre aus dem Trailmaster. Da meine Haare nun mittlerweile so lang sind, dass ich sie in einen Zopf/Duttartigen Gebilde zusammenfassen konnte, wärmte sich mein Kopf auch nicht so sehr auf, oder alternativ war es der Placeboeffekt, weil ich mir das die ganze Zeit eingeredet habe. Am Ende lief ich wie Alphonso Davies entlang der Seitenlinie, wie ein Gepard, der eine Gazelle jagt, wie meine Schüler wenn es das erste Mal klingelt und sie keinen Strich mehr bekommen dürfen oder einfach in unfassbarer Eleganz und Anmut (alle Videos, die was anderes zeigen, sind Fake :D). Am Ende des Tages sprang ein wunderbarer 24. Platz im Gesamtranking, ein 8. Platz in meiner Altersklasse und ein erster Platz unter den deutschen Teilnehmern heraus. Und zu meiner großen Überraschung konnte ich eine Zeit von 1 h 38 min erlaufen. Also einfach mal das ursprüngliche Ziel pulverisiert und zeitgleich eine neue persönliche Bestzeit aufgestellt. Besonders schön war diesmal die Tatsache, dass ich absolut keine Probleme hatte. Kein Motivationsloch, keine schweren Beine, kurz um: es lief einfach (Haha, im wahrsten Sinne). Da hatte sich das Training der letzten Wochen echt mal gelohnt. Und zusätzlich konnte ich meinen Vitamin D Vorrat wieder kräftig auffüllen.
Jetzt sind es doch wieder mehr Worte zu einem Nebenthema geworden – es kommt langsam der Lehrer in mir durch. Nun zum eigentlichen Thema für diesen Blogeintrag: Eine digitale, vollkommen fiktive Unterrichtsstunde per Videokonferenz. Diese Stunde hat natürlich nie so stattgefunden, aber ich glaube sie gibt einen guten Einblick, in meinen Alltag der letzten beiden Wochen.
Unterrichtsstunde: Die binomischen Formeln
Klasse: 11 a
Zeit: 07.20 Uhr – 08.50 Uhr
07.15 Uhr – Microsoft Teams öffnen, das Klassenteam suchen und die Besprechung unter „Ma am Mo“ starten. Letzte Fingerlockerungsübungen.
07.18 Uhr – Die wohl wichtigste Phase beginnt. Es ist wie früher, wenn man Mama überzeugen wollte, dass sie etwas kauft: Vorbereitung ist alles. Es müssen alle Schüler sofort nach dem Betreten so eingestellt werden, dass sie niemanden mehr stumm schalten oder aus der Konferenz werfen können. Was passiert, wenn man das nicht macht, darauf muss ich wohl nicht weiter eingehen.
07.20 Uhr – Unterrichtsbeginn. Es fehlen Gerhardt, Brunhilde und Albrecht. „Weiß einer was von den 3en?“ – „Nein gestern waren sie noch da“ – „Okay dann starten wir schon mal, die werden sicherlich gleich dazu kommen, als Herzlich Willkommen zu Mathe, wir wollen…“ – „Herr Schmiidt, Albrecht findet das Meeting nicht, könne sie ihn anrufen?“ „Na klar, also heute wollen wir..“ -„Herr Schmiidt, Brunhilde hat keinen Strom, sie kommt später“ – „Okay geht klar, dann wollen wir uns heute mit den Binomischen Formeln beschäftigen“
Es folgen 10 min mit einem kurzen Einstieg und Motivation, so gut dies eben bei Binomischen Formeln möglich ist.
07.35 Uhr – „Okay habt ihr bis hierhin Fragen? Peter, du hast die elektronische Hand oben?“ – „Nein, das war von vorher, ich habe es nur vergessen wieder runterzunehmen“ – „Okay dann Sybille“ – „…“ -„Sybille?“ – „…“ – „Sybille? Bist du noch da?“ – „Ja Herr Schmiiidt ich habe vergessen mich zu unmuten, aber meine Hand war ausversehen oben“ – „Gut, als wenn keine Fragen sind, dann können wirst jetzt starten, uns das alles aufzuschreiben, also nehmt bitte euer Heft.“ – „Herr Schmidt, in welches Heft sollen wir das schreiben? Übungsheft oder Merkheft?“ – „Das kannst du am besten in das Merkheft machen, das sollst du dir ja merken“
Es folgen 10 min in denen das Wichtigste aufgeschrieben wird.
07.50 Uhr – *Bing* E-mail von Albrecht, er hat kein Internet und kann deshalb nicht am Meeting teilnehmen. Wie die E-mail gesendet wurde, bleibt ein Rätsel. „Also das ist erstmal die erste binomische Formel. Wir werden gleich ein paar Beispiele machen. Gibt es bis hierhin Fragen? Ja Klaus Dieter?“ – „Entschuldigen Sie Herr Schmiiidt, die Hand war noch von vorher oben.“ – „Können wir uns bitte ab sofort darauf einigen, das wir die Hände dann runter nehmen, wenn man keine Fragen hat. So Mareike, deine Hand ist noch oben?“ – „Ja Herr Schmiiidt, aber ich habe die Frage vergessen“ – „Ist nicht schlimm, vielleicht fällt sie dir wieder ein, So dann machen wi…“ – Herr Schmiiiidt ich weiß es wieder, können wir vielleicht mal ein Beispiel machen?“ – „Ja Mareike, das habe ich doch gesagt.“
07.55 Uhr – „Kommen wir zum ersten Beispiel, also hier…“ – „Herr Schmiiiidt ich kann sie nicht hören?“ – „Hmh das ist komisch, geht es den anderen genauso? – „Nee. Nö. Dein Internet leckt einfach, habibi“ „Okay Manuel, warte einfach kurz. Es wird sicherlich gleich wieder besser. Also hier ist das erste Beispiel. Natascha willst du sagen, wie es weitergeht?“ – „Nein, Herr Schmiiiidt, ich wollte sie fragen, ob sie sich schon entschieden haben, ob ich noch den einen Punkt im Test bekomme?“ – „Natascha, dein Test liegt noch in der Schule und ich bin noch in Quarantäne zu Hause – also nein.“ -„Nein ich bekomme den Punkt nicht? Aber warum Herr Schmiiiidt?“ – „Nein, ich habe mich nur noch nicht entschieden.“
08.00 Uhr – *Bing* E-Mail vom Oberstufenberater: Klausurenplan ändert sich. „Okay kann jemand sagen, wie es hier weitergeht? Gertrude?“ – „ Ja Herr Schmiiiidt, dak it ga .. ch. Ma .. mu .. ie .. er .. en“ – „Getrude, ich kann dich nur sehr schwer verstehen, dein Internet ist glaube ich sehr schlecht“ – „Ishiguro .. jskdf .. skf“ – „Nee Gertrude das macht jetzt keinen Sinn. Vielleicht kann ja Anastasia helfen?“ – „Ja Herr Schmiiidt, dann muss man einfach die Klammer ausmultiplizieren“ – „Anastasia, man kann dich nur schwer verstehen, kannst du ein wenig lauter reden?“ – Ja, Herr Schmiiiidt, ist das jetzt besser so?“ – „Super Anastasia“ *Stelle den Lautsprecher 5 Stufen runter“
08.05 Uhr – *Bing* Oberstufenberater schon wieder, Formulare für die Abiturprüfungen. „Okay wer möchte mal dieses Beispiel komplett allein machen? Robert du meldest dich, sehr gut“ – „Herr Schmiiiidt, ich habe ein Problem. Der Müllmann steht an der Tür und möchte Geld haben. Darf ich ihn bezahlen gehen?“- „Jaaa, dann geh. Aber bitte beeile dich“
08.10 Uhr – *Bing* Oberstufenberater wieder: Andere Schule brauch jemanden, der bei Physikprüfung hilft, ob ich das machen kann. „Okay liebe Klasse, jetzt habt ihr 20 min Zeit, um das zu üben. Wenn ihr Fragen habt, dann fragt ihr sie hier im Call. Ansonsten dürft ihr jetzt auch den Call beenden und die Aufgaben allein lösen.“
Stille. Einfach Stille. Diese Phasen sind so wertvoll, weil man dann mal vom oben beschriebenen Wahnsinn ablenken und sich kurz ausruhen kann. Zu diesen technischen Problemen kommen ja dann auch noch die, nicht unerheblichen, mathematische Schwierigkeiten und Verständnisprobleme hinzu. Und das sogar in geballterer Form als im Präsenzunterricht, da Videokonferenzen einfach nicht das Gleiche sind oder ein Ersatz, der auch nur ansatzweise gleichwertig ist, darstellen. Deshalb…
08.15 Uhr *Bing* Nachricht vom eigenen Klassensprecher, es gab Probleme in der eigenen Videokonferenz.
08.17 Uhr *Bing* Nachricht vom betroffenen Fachlehrer, er musste den Unterricht abbrechen, weil die Klasse sich gegenseitig Stummschaltet oder aus der Konferenz wirft.
Damit wären dann auch die 20 min Erholung dahin, da man nun nachforschen darf, was genau passiert ist.
08.30 Uhr „Wie ich sehe sind alle wieder da, sehr gut. Wollen wir mal vergleichen. Carmen du willst was sagen?“ – „Ja Herr Schmiiiiiidt, wir haben eine Frage an sie als Vertrauenslehrer (kleiner Flex). Können wir sie stellen?“ – „Na wenn es wichtig ist, dann stellt sie.“ – „Also darf ein Lehrer, … „
Damit endet dann diese fiktive Stunde. Es bleiben noch 3 weitere – für diesen fiktiven Unterrichtstag. Danach werde ich meinen fiktiven Computer ausschalten und mir wünschen wieder in einem realen Klassenzimmer stehen zu dürfen.