Diesmal melde ich mal gleich zu einer Zeit, in der ich normalerweise nicht in der Lage wäre mich hier zu melden. Aber da ich mir in den letzten Wochen sowieso vorgenommen hatte, regelmäßiger zu schreiben, hat die Situation wenigstens ein was Gutes. Obwohl regelmäßig das falsche Wort ist, einmal im Quartal ist auch regelmäßig.
Es ist Sonntag, 10.30 Uhr. Normalerweise würde ich nun gerade im Klassenzimmer der 10a versuchen meinen Laptop an die interaktive Tafel anzuschließen, da diese Tafel gewisse Tücken bietet, ist das gar nicht mal so leicht. Die Tafel versteht sich nämlich nicht mit meinem HDMI-Kabel. Warum? Eine Frage auf die ich bisher keine Antwort gefunden habe. Anscheinend gibt es verschiedene Arten von HDMI-Kabeln. Anschließend würde ich kurz noch 3 Minuten entspannen bevor es wieder klingelt und ich versuche Physik so toll zu unterrichten, dass darüber getwittert werden kann. Doch heute ist alles anders. Ich sitze zu Hauses, habe eine Jogger an und bin vollkommen übermüdet, da ich kaum geschlafen habe und erstelle Aufgaben für die Klasse 10a, damit diese in der Schule beschäftigt sind. Der Grund: Nach einer Woche Präsenzunterricht, darf ich wieder für 14 Tage in Quarantäne, da es wieder einen Coronafall gab.
Demzufolge habe ich dieses Kalenderjahr maximal noch eine Woche Unterricht in der Schule und ansonsten bin ich am Computer und erstelle Aufgaben, mache Videokonferenzen oder erstelle Klausuren, von denen ich noch nicht mal weiß, ob diese am Ende wirklich geschrieben werden. Ich fühle mich also so, wie es der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien in der Halbzeitpause gegangen sein muss: Kacke und man weiß es wird nicht besser. Oder wie früher in der Klausur, wenn man schon an der Einstiegsaufgabe scheitert und genau weiß, dass das was noch kommt, noch viel schlimmer wird. Oder noch passender: Wenn man früher beim Fußball eine eklige Schürfwunde nach dem Spiel hatte, die schon so brannte und einfach nur weh tat, man aber genau wusste, dass man noch duschen gehen musste, welche den Schmerz einfach mal vertausendfachen würde. Von der Angst über die kommende Nacht, möchte ich gar nicht erst reden. Das trifft ungefähr genau meine Gefühlslage im Moment. Um es mathematisch ausdrücken, gefühlt befinde ich mich an einem lokalen Tiefpunkt, befürchte aber, dass ich den globalen Tiefpunkt noch erreichen werde.
Ich mag meine Wohnung ja mittlerweile eigentlich sehr, jedoch auch nicht so sehr, dass ich sie nun wieder 24 h anschauen muss. Hinzu kommt dass diesmal ja nicht die ganze Schule in Quarantäne ist, sondern nur eine Klasse und die entsprechenden Lehrer. Bedeutet ich habe nicht den gesamten Tag Videokonferenzen, sondern die Langeweile beginnt schon am Vormittag. Vermutlich werde ich noch für die ersten Tage ausreichend Beschäftigung finden, immerhin habe ich ja noch eine Klausur zu korrigieren aber danach wird es dann schon kritisch. Dann kann ich vielleicht beginnen ein paar strukturelle Prozesse in meiner persönlichen Arbeitsorganisation anzugehen. Aber wir wissen ja alle wie das nun mal so ist, der innerhalb Schweinehund, wird sich spätestens dann zu Wort melden.
Was aber mit Abstand am meisten nervt, ist die Tatsache, dass sich meine soziales Leben nun wieder auf die Jungs von Talabat begrenzt wird. Vermutlich werde ich mich in spätestens drei Tagen auf die ansonsten verhassten Telefonate, bei denen die Jungs mich fragen ob ich tatsächlich da wohne, was die Lieferadresse sagt, freuen. Aber leider ist mein Arabisch so schlecht und von den Lieferboys das Englisch so schlecht, dass man dies kaum als vernünftige Konversation bezeichnen kann. Und auch wenn ich mit Sicherheit nicht der Most socialised Mensch bin, das nervt mich dann doch schon sehr. Gerade weil ich die eine Woche Schule, so anstrengend wie sie auch war, so angenehm und um Welten besser fand.
Ich will jetzt auch nicht weiter im Selbstmitleid versinken, da ich sowas ja immer hasse, wenn Menschen das machen. Jedoch musste ich mal etwas Dampf ablassen. Und das Schreiben ist meistens beruhigender als das bloße Anschreien von Gegenständen in meinem Apartment. Das einzige worauf ich mich freuen kann im Moment: 11.12 Flug nach Deutschland, mit anschließender „WG“ mit meinem Bruder.