Nach ausreichend langer kreativer Pause melde ich mal wieder. Diesmal aber mehr oder weniger, weil ich dazu genötigt wurden bin. Denn meine Schüler haben erkannt, dass meistens ein Blogeintrag kommt, wenn ich einen Halbmarathon gelaufen bin. Und bekanntlich, sollte man im Leben ja immer gewisse Rituale beibehalten. Also freut euch auf einen weiteren Bericht übers Laufen. Spannend ich weiß 😀 Ergänzung nachdem ich es geschrieben habe: Es ist echt gut. Wirklich. Ich sehe schon den Pulitzer-Preis in meiner Vitrine. Lest es! Ihr verpasst sonst echt was.
Der heute gelaufene Halbmarathon sollte eigentlich schon vor einer Woche stattfinden. Wurde dann aber 17 Stunden vor Laufbeginn verschoben. Aus Hygieneschutzgründen. Um 7 Tage. Auf heute. Manch einer wird sich fragen, was genau der Sinn dahinter ist. Kurze Erklärung meinerseits: Ägypten hatte im Mai einen recht „strengen“ Maßnahmenkatalog gegen Corona und da waren eben auch größere Veranstaltungen untersagt. Deshalb hat man den Lauf um 7 Tage verschoben, eben damit er nicht mehr im Mai sondern im Juni ist. „Problem erkannt – Problem gebannt“, würde der Ägypter jetzt sagen. Also nicht auf Deutsch, aber ich kann es nicht auf ägyptisch. Vielleicht sowas wie: „Shuf moshkala – mafish moshkala“.
Der Lauf sollte heute in einem Compound stattfinden, welcher in New Cairo lag (Ägypter entschuldigen bitte, wenn ich immer noch nicht sattelfest mit diesen tausend Bezeichnungen für Stadtteile bin). Compounds sind die separaten Viertel Kairo’s am Stadtrand mit Villen und Pools und so. Eigentlich ganz cool. Startzeit war 07.00 Uhr am Morgen. Was gut war, weil ihr ja wisst, Kairo – Sonne – warm. Und zufällig ist die Temperatur hier die letzten Tage tatsächlich nochmal ein wenig gesunken. Neben diesen Vorteilen, hat so eine frühe Startzeit natürlich auch gewisse Nachteile. Man muss selbst früh aufstehen. Und wenn man dann am Vorabend feststellt, dass der Startpunkt 50 km – in Worten fünfzig – von der eigenen Wohnung entfernt ist, dann weiß man, dass es eine kurze Nacht wird. Das muss man sich mal vorstellen. Ich wohne ja ziemlich genau am Nil, fahre 50 km in fast genau eine Richtung und bin immer noch in der gleichen Stadt. Und da wäre es auch noch weitergegangen. Ich habe einen Schüler der in diesem Compound wohnt. Der könnte also täglich 2 Marathons laufen um zur Schule zu kommen. Oder noch besser: Angenommen der Schüler ist 12 Jahre zur Schule gegangen. Jedes Schuljahr besitzt 180 Unterrichtstage. Dann ist der Schüler in seinem Leben 216 000 km im Auto oder Bus zur oder weg von der Schule gefahren. Dies ist das gleiche als wenn er mehr als 5 mal die Erde, am Äquator, umrundet hätte.
Okay kommen wir zurück zum Thema. 5 mal ist schon ziemlich krass oder? Also es sind sogar 5,4. Also noch ne halbe Runde mehr. Wenn wir jetzt noch die Zeit ausrechen, die er dafür gebraucht hat? Okay jetzt aber wirklich zurück zum Halbmarathon in Madinaty. Also mit Uber dahin gedüst, die kaironesische Stadtlandschaft genoßen und wie geplant 20 min vor Start angekommen. Dann noch schön 10 min warmgemacht, um dann noch ein letztes mal auf Toilette zu gehen, dabei fast mit der Kloschüssel umgekippt. Alles wie immer also. Und dann ab zum Start. Dort noch ein paar Schüler getroffen, die auch mitgelaufen sind. Und das alle super geschafft haben. Außer der, der nur 10 km geschafft hat. Aber Gorillas sind eben nur Kurzstreckenläufer, wie Nilpferde. 😉 Taktik für mein Rennen war wieder die Gleiche, wie immer: Ganz hinten starten und möglichst weit vorne ankommen. Da ich mir nicht sicher war, wie ich die Wärme vertrage und in welchen Trainingszustand ich bin, war das Ziel 1 h 45 min 00 s (Merkt euch die Zahl, die wird später wichtig).
Zum Laufen gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Der Vorgang wiederholt sich ja auch recht oft. Durch meine Taktik konnte ich das Feld wieder von hinten aufräumen. Highlight des Laufes, war die wohl größte ägyptische Flagge, die ich jemals gesehen habe. Gefühlt war das Ding so groß wie ein Fußballfeld. Nee ohne Spaß jetzt, ein Handballfeld war es bestimmt. Die schwenkst du nicht so leicht im Fußballstadion. Das war dann doch schon recht imposant, auch wenn ich auf sowas eigentlich nicht so stehe. Ansonsten lief es eigentlich echt gut im Rennen. Man könnte sagen ich war gängig. Obwohl ich bin ja nicht gegangen. Dann läufig. Nee kacke, das bedeutet ja was anderes. Dann ranzig. Auch nicht. Lassen wir es lieber und halten fest: Ich war gut. Richtig gut. Exorbitant gut. Flash wäre stolz auf mich gewesen. Ich hörte schon die Zuschauer rufen: „Da kommt der blonde Kipchoge“ natürlich wieder auf arabisch (Hier reicht mein rudimentäres arabisch aber nicht). Okay zugegeben, dass war vielleicht ein wenig übertrieben. Blond haben sie nicht gesagt.
Nein ernsthaft. Die Beine waren sensationell, meine Luft war gut und es war nicht zu warm. Ich fühlte mich gut und konnte die ganze Zeit relativ entspannt laufen. Und konnte dann die letzten 4 km sogar noch mal beschleunigen und 12 Sekunden schneller pro km laufen. Also gefühlt wackelte hier die 1 h 40 min Schallmauer. Bis auf klitzekleines Detail. Es wäre auch zu schön gewesen oder? Was ist passiert? Tja das erfahrt ihr im nächsten Blogeintrag in einem halben Jahr. Boom. Cliffhanger. Wie in der Schule, wenn ich nicht alles in der Stunde schaffe, was ich will 😀
Okay ich verrate es euch hier schon 😀 Ich will ja meine wenigen Leser nicht enttäuschen. Also das Problem war das folgende: Wer die Überschrift liest, der erkennt dass da steht Halbmarathon+. Und wie bei Freundschaft+ gab es auch hier ein +. Natürlich nicht das was ihr jetzt denkt. Sondern es gab einfach einen Kilometer obendrauf. Es waren einfach mal 22,1 km. Wieso? Keine Ahnung. Weil die anderen Läufe von dem Veranstalter sonst immer 300 m zu kurz sind, dachten sie sich vielleicht, dass sie das heute wieder reinholen müssen. Oder, und ich sage es einfach um jede Möglichkeit zu erwähnen, es hat sich jemand verzählt. Wir werden es nie erfahren. Auch wenn ich das auf den letzten Minuten sehr verflucht habe, hatte dies auch etwas positives. Ich habe den Lauf in exakt – ich betone nochmal exakt – 1 h 45 min 00 s. Na wem fehlt was auf? Punktlandung nennt man das. Mitten ins Bullseye. Ein wahrer Wilhelm Tell. Okay, ich höre besser auf.
Zum Abschluss möchte ich nun noch die Frage beantworten, die uns allen unter den Fingernägeln brennt. Wie viele verdammte Minuten hat der Schüler im Auto für den Schulweg verbracht. Ich nehme einfach mal an, dass er pro Tag 2 h im Auto war. Das macht dann eine Zeit von 4320 h. Also logischerweise 180 Tage. Oder ein halbes Jahr. Da erscheint der Flug zum Mond mit 72 h ziemlich kurz. Um es noch besser zu verdeutlichen, für meine jüngeren Leser. Der Schüler hätte damit das gesamte Netflix-Programm schauen können. Dieses umfasste im Jahr 2017 nur läppige 3273 h. Krass das gesamte Netflix in einem halben Jahr? Klingt wie Studieren 😀
Okay ich höre besser auf mit diesem Eintrag, sonst kommen nur noch weitere unangebrachte Vergleiche und Übertreibungen. Ich werde mich sicherlich bald mal wieder melden. Dann mit Sicherheit wieder mit mehr Ernsthaftigkeit. Also ich werde es zumindest probieren. Haut rein, ihr kleinen Stolzfüße.