Hey ho. Mal wieder melde ich mich aus Südafrika, diesmal mal wieder mit einer lustigen Story, die sich wirklich so ergeben hat, als ob das Schicksal wusste, dass ich mal wieder etwas brauche, worüber ich so schreiben kann. Also schnallt euch an und macht euch bereit auf diese einmalige Uberfahrt:
09.00 Uhr – Ich wache auf und lese ein wenig, bis ich Hunger verspüre und anfange mir Pfannkuchen zum Frühstück zu machen. Diese sind perfekt geworden. Also wirklich perfekt. Ich überlege einen Pfannkuchenstand zu eröffnen. Danach beginne ich festzustellen, dass ich mal wieder Wäsche waschen sollte. Also suche ich nach dreckigen Klamotten um sie zur Wäscherei zu bringen, da in meiner Wohnung keine Waschmaschine vorhanden ist.
11.20 Uhr – Ich stelle fest, dass die Wäscherei am Sonntag geschlossen hat. Ich entscheide mich, meinen Wäscheberg zurückzutragen und dann wie geplant, mit Hilfe von Bolt (das gleiche wie Uber) zur Kletterhalle zu fahren.
11.30 Uhr – Ich habe Geld abgehoben und bin an einer guten Stelle, um einen Boltfahrer zu erreichen. Ich starte die App und werde direkt mit dem Fahrer Innocent verbunden. Ich lache. Es wird für eine Weile mein letztes Lachen gewesen sein. Ich frage mich, ob er wirklich so unschuldig ist, wie der Name es sagt und denke mir, in 2 min werde ich es wissen.
11.34 Uhr – Aus den angegebenen 2 Minuten sind mittlerweile 4 Minuten geworden. Und der Fahrer hat sich nicht bewegt. Mein Instinkt sagt mir: Cancel und nimm einen anderen Fahrer. Aber ich denke mir, sei nicht so deutsch. In Kairo wärst du doch auch froh, wenn er nur doppelt so viel Zeit braucht, wie angegeben.
11.35 Uhr – Das Handy klingelt: Innocent ruft an. Wieder kommt der Deutsche durch und schreit: Abbrechen. Fahrt abbrechen, neuen Fahrer suchen. Aber ich gehe ran, er fragt wo ich bin. Was albern ist, weil er es eigentlich sehen müsste. Nach 2 min haben wir abgemacht, dass er zu mir jetzt kommt. So wie es ja auch sein sollte.
11.38 Uhr – Der Fahrer hat sich immer noch nicht bewegt. Ein letztes Mal, brüllt mein Instinkt: Verdammt, brich die Fahrt ab, das macht keinen Sinn. Aber ich beweise Engelsgeduld und warte auf den Unschuldsengel.
11.40 Uhr – Innocent erreicht meine Location. Er fragt mich wo es hingehen soll, ich sage Cape Town. Er denkt nach. Ich werde langsam ungeduldig. Ich habe nun schon das 5-fache gewartet und wollte nun nicht den ganzen Tag warten. Er sagt okay. Ich steige ein. Er wirft eine Dose aus dem Fenster (also eindeutig nicht so unschuldig), fährt 10 m und checkt seine Reifen. Es meldet sich wieder mein Instinkt … ach lassen wir das.
11.45 Uhr – Wir fahren. Immerhin. Wir nähern uns der Autobahn. Er fragt mich, ob ich ihm das Geld schon jetzt geben kann, da er tanken muss. Da dies relativ häufig passiert, habe ich damit kein Problem. Wir werden die nächste Tankstelle ansteuern und ich bezahle umgerechnet 15 Euro.
11.53 Uhr – Wir fahren zur Tankstelle. Inncoect beginnt nun auch die Reifen neu mit Luft zu füllen. Ich atme tief durch.
11.55 Uhr – Nun beginnt er das Auto zu putzen. Ich werde genervter. Ich meine, es ist meine Zeit und mein Geld was drauf geht. Aber ich denke mir, es gibt schlimmeres Ricardo. Bleib entspannt.
11.57 Uhr – Wir fahren wieder auf die Autobahn. Fast 30 min sind um und wir sind Kapstadt nur 5 km näher. Bei der Auffahrt auf die Autobahn sind mir zwei Dinge aufgefallen. Erstens scheinen ein oder zwei Gänge zu hängen. Oder zumindest gehen sie nur sehr schwer rein. Das Auto scheint auch sehr alt zu sein, darum schiebe ich es darauf. Zweitens Innocent wirkte relativ unsicher bei der Auffahrt auf die Autobahn.
12.05 Uhr – Der Eindruck, dass Innocent nicht sehr sicher ist beim Fahren wird immer deutlicher. Immer wieder kann er kaum die Spur halten und beim Gegenlenken übertreibt er so dermaßen, dass die Fahrt mehr einer Achterbahnfahrt oder einem Ritt auf einem Büffel ähnelt. Also nicht, dass ich weiß wie ein Ritt auf einen Büffel ist, ich meine so einen elektronischen, auf den man reiten kann.
12.15 Uhr – Wir schleichen dahin. War ich es aus Ägypten gewohnt, dass alle immer viel zu schnell fahren, bewegten wir uns gerade im Schneckentempo. Also mit 60 km/h anstelle von erlaubten 120 km/h. Ich dachte mir wieder, meine schöne Zeit. Aber ermahnte mich innerlich, nicht so kritisch zu sein. Ich hoffte nur, dass das Auto bis nach den Townships durchhält, da ich auf diese Erfahrung sehr gut verzichten konnte.
12.22 Uhr – Wir haben die Townships hinter uns gelassen. Ich bin optimistisch. Wir nähern uns dem Stadtkern, mittlerweile mit rasanten 80 km/h. Aber die Straße wird kurviger. Das bedeutet, die Schwäche von Innocent die Spur zu halten nimmt zu. Das Auto wackelt. An einen Powernap ist nicht zu denken.
12.30 Uhr – Wir nähern uns dem Ziel. Nur noch zwei Gabelungen mit anderen Straßen und wir sind fast da.
12.35 Uhr – Navi sagt noch 7 min. Ich bin einigermaßen zufrieden. Doch dann. Zack Boom. Ausfahrt verpasst. Die Zeit verlängert sich um 10 min. Im gleichen Maßstab verringert sich meine Laune und mein Optimismus.
12.37 Uhr – Wir müssen einen U-Turn auf der Brücke nehmen, um umzudrehen. Zack Boom. Zweite Ausfahrt verpasst. Zeit verlängert sich um weitere 5 min. Wir sind also wieder 18 min entfernt. Ich frage ihn, ob er das mit Absicht macht und ob wir denn nicht bitte zu meinem Ziel fahren können.
12.40 Uhr – Wir nähern uns der dritten Ausfahrt, ich war in meinem Ärger kurz abgelenkt und schaue nicht hoch. Zack Boom. Ausfahrt verpasst. Aber er realisiert es. Ich schaue ihn an und frage ob es sein Ernst ist. Er fährt auf den Standstreifen. Wir sind 20 m von der Ausfahrt entfernt. Innocent entdeckt den Ägypter in sich und er versucht rückwärts zur Ausfahrt zu gelangen. Ich möchte das Wort versucht, betonen. Bei seinem Versuch schafft er es, das Auto auf die mittlere Fahrbahn zu befördern. Recht und links rasen die Autos vorbei und hupen uns an. Als ob wir verrückte sind. Okay, 50% der Insassen sind offensichtlich verrückt.
12.41 Uhr – Die Ereignisse überschlagen sich. Wir schauen uns an. In seinem Blick erkenne ich, dass er vollkommen ratlos ist, wie das passieren konnte. Das gibt mir kein Gefühl von Sicherheit. Ich frage ihn, ob es das erste Mal ist, dass er ein Auto fährt. Er gibt keine Antwort. Ich sage ihm, dass er bitte wieder VORWÄRTS auf den Standstreifen fahren soll. Wir haben ein Kommunikationsproblem. Neben dem Autofahrerproblem. Er denkt, ich meine er soll eine Abkürzung zur Ausfahrt nehmen. Er fährt mit Tempo von der Mitte der Straße, ich hoffe einfach nur, dass er geschaut hat, das nichts kommt. Und er versucht mit Tempo nun eine Abkürzung zu nehmen. Problem: Die Abkürzung war aber erhöht und mit einer recht hohen Kannte versehen.
12.42 Uhr – Es ist passiert, was passieren musste. Wir stecken fest. Die Kante war zu hoch. Nach mehrmaligen abwürgen, schafft, der nicht ganz so unschuldige Innocent, uns zu befreien, um es gleich nochmal zu versuchen. Überraschenderweise mit dem gleichen Ergebnis. Auch hier schafft er es uns wieder zu befreien. Ich flehe ihn an, einfach weiter gerade aus auf der Autobahn zu fahren. Doch dazu kommt es nicht. Gerade als wir losfahren wollen, fährt ein Polizeiauto direkt vor uns. Wir schauen uns wieder an. Ich sehe Verzweiflung. Wieder bin ich verunsichert.
12.43 Uhr – Die Polizistin ist ausgestiegen. Und kommt zu meinem Fenster. Ich kurble das Fenster runter. Sie kommt ran und hält Innocent eine Standpauke. Ich sitze da und weiß nicht wo ich hinschauen soll. Es fühlte sich an wie im Russichuntericht, wenn man versucht hat, den Blick niemals auf die eine wichtige Person zu richten. Es ist unangenehm. Nur die Frage ob er denn überhaupt einen Führerschein hat, bringt mich zum schmunzeln. Denn diese Frage ging mir die letzten 5 Minuten öfters durch den Kopf. Er antwortet ja. Vermutlich zur Überraschung aller Beteiligten.
12.44 Uhr – Innocent muss aussteigen. Ich sehe die beiden draußen stehen. Sie reden, Innocent muss ein Dokument vorzeigen. Und ich muss lachen. Einfach laut lachen. Ich bin nicht sicher warum, vielleicht weil ich glücklich bin, noch am leben zu sein. Vielleicht weil die Situation einfach so komisch ist. Oder weil ich realisiere, dass das ein genialer Blogeintrag wird, oder etwa nicht?
12.53 Uhr – Innocent kehrt bedröpelt ins Auto zurück. Ich habe fast ein wenig Mitleid. Auch wenn er fast mein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Wir warten. In Stille. In diesem Moment würde ich gern Gedanken lesen können. Aber vermutlich würde das nicht viel helfen, da ich dann Zulu oder Afrikaans sprechen können müsste.
13.05 Uhr – Innocent muss zum Polizeiauto. Die beiden reden wieder. Er kommt wieder. Hat ein paar ausgedruckte Zettel in der Hand. Er kommt an mein Fenster. Ich bin überrascht. Wir schauen uns an und er sagt: Du musst fahren. Diesmal sieht er Verzweiflung. Nach einem kurzen: R: Nein du. I: Nein du. Gibt er sich geschlagen. Er setzt sich hinters Steuer
13.06 Uhr – Wir rollen wieder. Ich übernehme die Position des Navigators. Wir beide arbeiten nun gemeinsam. Er lenkt das Auto, ich schaue ins Navi.
13.10 Uhr – Wir machen endlich den notwendigen U-Turn. Innocent macht einen Spaß darüber in welchen Stadtteil wir nun sind. Ich kann weniger darüber lachen.
13.20 Uhr – Wir verstehen uns blind. Als nahezu. Aber wir bekommen es hin, dass wir alle Ausfahrten erwischen.
13.30 Uhr – Wir rollen vor die Kletterhalle. Ich bin glücklich. Ich sehe den Preis, den die App nun aufruft. Er hat sich fast verdoppelt. Aber da ich ihm schon bezahlt habe (bei der Tankstelle), macht er zum Glück keine Gestalten mehr Geld zu verlangen.
Soooo ich hoffe dieser Eintrag hat euch an meiner Fahrt teilnehmen lassen und da er unfassbar lang ist, vermutlich auch fast für die gleich Zeit beschäftigt. Bis bald, beim nächsten Mal werde ich euch von meinem Klettertrip auf den Tafelberg erzählen. Also bis dahin 🙂