Start: Barafo 4673 Höhenmeter
Ziel: Uhuru Peak 5895 Höhenmeter
Zurückgelegte Höhenmeter laut Uhr: 1267 m
Angegebene Distanz: 5 km
Tatsächliche Distanz: 6,3 km
Angegebene Zeit: 7 Stunden
Benötigte Zeit: 7 Stunden
Der Kilikönig
Wer klettert so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Ricardo, am Kili ganz geschwind.
Er kann sich am Berg vollkommen austoben,
Und will unbedingt heute noch nach oben.
Der Kilikönig flüstert dem Bergsteiger ins Ohr,
„Magst du Mutiger heute reißen ganz empor,
Musst du nur trotzen meinen stürmigen Winden,
Und die Kälte musst du auch bezwingen.“
Trotzig erwiderte Ricardo dem König krass:
„Nichts wird leichter sein für mich als das!“
Doch wird der junge Held es wirklich schaffen
Und vom Gipfel in die weite Ferne gaffen?
Von Ricardo Schmidt 😀
Es ist 22.30 Uhr ich wache auf, da mein Zelt gefühlt wegfliegt und ich Schneefall höre. In 2 Stunden ist Weckzeit. Ich drehe mich um, und hoffe es war nur ein schlechter Traum.
Es ist 0.24 Uhr ich wache genau eine Minute auf, bevor mein Wecker klingelt. Außerhalb meines Zeltes weht ein Orkan. Ich frage mich, ob Gipfelnächte wegen schlechten Wetters abgesagt werden können, ich hätte ja noch einen zweiten Tag für die Gipfelnacht.
Es ist 0.30 Uhr Yoma kommt und weckt mich. Es gibt anscheinend kein schlechtes Wetter. Ich fange an, mich anzuziehen: zwei paar Socken, zwei lange Thermounterhosen und eine Snowboardhose, zwei lange Merinounterhemden, eine Fleecejacke, eine Daunenjacke und die dicke Polarexpeditionsjacke liegt bereit, eine Sturmhaube, eine Mütze und zwei paar Handschuhe. Im Rucksack befinden sich weitere Klamotten falls es nicht reichen sollte.
01.00 Uhr es ist Frühstück. Ich bekomme nur Haferschleim runter, alles andere löst bei mir Unbehagen aus. Ich stopfe so viel wie möglich in mich rein und trinke Tee. Hauptsache was warmes. Ich bin nicht besonders aufgeregt, nur sehr müde. Keine Ahnung. Der Sturm draußen wirkt wenig einladend.
01.15 Uhr ich beginne mich vollständig zu anzukleiden. Und hier kommen nun meine Wunderwaffen ins Spiel. Kleine Heizkissen, die bis zu 8 Stunden Wärme abgegeben. Es gibt welche die man sich auf die Innere Socke kleben kann. Und in den Händen packe ich welche auf der Innen- und Außenseite. Und ich nehme es vorweg: die beste Investition, die ich gemacht habe. Ich gehe raus und muss erstmal meine Blase entleeren. Problem: Die Windrichtung ist nur schwer erkennbar da sehr wechselhaft, und alle Männer wissen, was eine falsche Einschätzung bedeuten kann.
01.25 Uhr Bakari und Alfons, die mich begleiten werden, kommen zu mir und fragen mich, ob ich mich bereit fühle für die Gipfelnacht. Da ich noch nie eine hatte, weiß ich nicht was man fühlen muss um bereit zu sein. Aber ich sage zuversichtlich ja. Und klinge überzeugender als erwartet. Meine Kopfschmerzen sind weg von gestern Abend und Bakari sagt mir nochmal, dass ich ihm sofort Bescheid geben soll wenn ich etwas bemerke an meinem Körper. Wir starten.
Ich muss jetzt leider die zeitliche Achse verlassen, da ich ab diesem Zeitpunkt kein Zeitgefühl mehr hatte und nicht meine Handschuhe ausziehen wollte um auf die Uhr zu schauen. Darum machen wir es Distanzmäßig (meine Uhr vibriert nach jedem Kilometer).
Kilometer 1:
Ich fühle mich erstaunlich gut und stelle schnell fest, dass meine oben beschriebene Outfitwahl sehr gut war. Wie immer eigentlich, bis hier her. Ich bin sehr zufrieden mit mir. Wir wandern ziemlich steil bergauf. Ich meine, laut den Schildern 5 km für 1222 Höhenmeter, was eine durchschnittliche Steigung von 24,4 % bedeutet. Nur um das mal einzuordnen. Und das ganze nachts, mit Stirnlampe bewaffnet auf einem 5000er Berg. Genau der Spaß, den mir Mama früher immer verboten hätte. Wie auch immer eine 5000er nach Sachsen kommen soll. Aber der erste Kilometer kommt mir sehr lang vor, auch wenn mein Körper wirklich gut funktioniert.
Kilometer 2:
Ich brauche etwas zu trinken und zu essen. Konnte ich vorher nichts essen, sind Energieriegel absolut kein Problem. Und auch notwendig. Das Problem mit dem Camelbak, welches ich schon vorher wusste: es gefriert ab einem gewissen Zeitpunkt. Also trinke ich so viel ich kann daraus und versuche am Ende das Wasser aus dem Schlauch wieder in den Behälter zu pressen. Was auch funktioniert. Ich fühle mich energiegeladen und bereit für die nächsten Meter. Und dann setzt auch der unfassbare Wind ein. Ich möchte jetzt keine großen Begriffe benutzen, da sonst jeder wieder denkt, ich übertreibe. Was ich ja nie machen würde. Jedoch war der Wind so stark, dass Bacari das ein oder andere Mal sein Gleichgewicht deswegen verloren hat. An einem Punkt mit dem Sturm musste ich einfach lachen. Es fühlte sich so an, als ob der Berg nochmal prüfen wollte, ob ich seiner würdig bin. Und dann kam mir die grandiale Idee für die obige Lyrik. Jap, ich war mitten in der Nacht auf dem Weg zum Gipfel des Kilimanjaro, Wind weht einen fast um und ich fange an zu dichten. Vielleicht lag es am Sauerstoffmangel, der bekommt mir meistens nicht so gut. Es ist immer noch stockdunkel und man kann nichts weiter sehen als da wo gerade die Stirnlampe hinleuchtet. Aber was man sehen kann, sind die weit entfernten Lichter der Stadt unter einem und die wundervollen Stern über einen. Leider blieb mir kleinen Sternengucker nur wenig Zeit das zu genießen, da ich mich auf die Strecke vor mir konzentrieren musste.
Kilometer 3:
Ich erkenne weit über uns sich bewegende Punkte, dass muss die Gruppe der Österreicherinnen sein. Ihre Höhe ist beeindruckend weit über unserer. Anscheinend sind wir heute nicht als erstes los. Aber damit kann ich leben. Ich fühle mich immer noch gut. Es ist wie auch in den letzten Tagen, solange wie ich mich bewege, ist immer alles okay. Klar merkt man, dass es furchtbar anstrengend ist. Also ich meine die Schritte sind kaum länger als Kaffeebohnen und ich fühle mich wie einem langsamen Ausdauerlauf. Aber ich bin immer noch positiv, dass ich es schaffe. Im meinem Kopf sage ich mir nun auch, entweder heute oder gar nicht. Jetzt zurück um es morgen nochmal zu probieren?! Nie im Leben. Wir arbeiten uns Schritt für Schritt nach oben. Ich bin begeistert von meinen Hand- und Fußwärmern. Sie retten mir hier das Leben, da ich keinen Kampf gegen kalte Gliedmaßen führen muss. Gegen Ende von Kilometer 3. brauche ich wieder eine Pause. Essen und Trinken sind absolut notwendig um neue Energie zu schöpfen.
Kilometer 4:
Ich sehne mich auf der Zielgeraden. Hinter mir beginnt sich auch langsam der Himmel zu färben. Von einem dunklen schwarz über blau bis hin zum Morgenrot. Ein echtes Schauspiel. Man kann auch die Bewegung der Wolken beobachten welche sich in alle Richtungen ausbreiten. Es ist einfach schön. Und diese Friedlichkeit wird durch nichts gestört. Dies gibt einem nochmal ein wenig Energie. Aber das Ziel kommt und kommt und kommt nicht. Es ist frustrierend. Bei jedem anderen Schild war die Entfernung die angegeben war zu hoch und gerade hier bei diesem, dem wichtigsten Schild ist es zu gering. Wie nervig.
Kilometer 5:
Die Zielgerade scheint ein variabler Begriff. Nach 4,3 km sind wir auf alle Fälle nicht am ausgeschriebenen Stella Point, welcher ein Punkt des Kraters wäre. Sondern noch mitten im Aufstieg. Aber auf dem letzten Kilometer haben wir unheimlich auf die andere Gruppe aufgeholt. Waren es vorher durch grobe Schätzung über 100 Höhenmeter unterschied Waren es jetzt nur noch wenige Meter. Es ist Mittlerweile hell und die Sonne geht auf. Die wärmenden Sonne strahlen helfen einem nochmal für die letzten Meter. Die Aussicht ist unbeschreiblich. Auf den letzten Metern überholen wir tatsächlich noch teilweise die andere Gruppe. Und kommen am Stella Point an.
Stella Point:
Ein Punkt des Kraters liegt ungefähr 100 m unter dem Uhuru Peak. Wir machen kurz Pause und gratulieren uns. Ich spendiere eine Runde M&M’s. Ich kann glaube kaum beschreiben, was in mir vorgeht. Es einfach ein wunderschöner Moment. Bacari motiviert mich weiterzugehen, damit wir auch an der höchsten Stelle ankommen. Man kann bereits das Schild erkennen. Eigentlich sieht es gar nicht so weit entfernt aus.
Kilometer 6:
Zum Start fühlt es sich wie eine Ehrenrunde an. Nur das Publikum welches applaudiert und laut meinen Namen skandiert fehlt. Ich glaube, in dieser Höhe wäre das auch merkwürdig. Kurz nach dem Start, merke ich, dass ich es geschafft habe. Ich weiß nicht genau warum da und warum genau in diesem Moment. Aber es ist der Moment in dem ich realisiere, dass ich auf dem höchsten Punkt Afrikas stehe. Das ganze in Worte zu fassen, fehlt mir selbst jetzt noch schwer. Ich bezweifle auch, dass ich jemals in der Lage sein werde, dies in Worte zu fassen. Es ist einfach unfassbare Freude, gepaart mit Stolz und Zufriedenheit. In der Sekunde meines größten Triumphes vergesse ich leider nur, dass noch 1 km am Ende und 100 Höhenmeter vor mir liegen und auch wenn diese deutlich flacher sind als die davor, in knapp 6000 Meter zieht sich das ganz schön in die Länge. Ungefähr 30 min brauchen wir dafür. Aber mit jedem Schritt weiß ich, dass ich dem Ziel näher komme und mich nur noch ein Wunder stoppen kann. Und endlich, nach einer langgezogenen Rechtskurve erkenne ich das Schild. Die letzten Meter laufen sich allein.
Uhuru Peak:

Wir sind angekommen. Nach 6 Stunden wandern mitten in der Nacht. Sind wie endlich am Schild. Einem Schild was irwie verloren da steht. Aber egal. Ich befinde mich am höchsten Punkt des Kontinents Afrika und auf dem höchsten freistehenden Berg der Erde. Was genau in mir vorgeht, weiß ich gar nicht mehr. Es war cool und fühle sich bombastisch an, aber ich glaube den wahren Moment des Glückes hatte ich wie oben schon beschrieben, kurz nach Stella. Wir beginnen mit den Fotos, erst machen wir die Bilder gemeinsam und dann bekomme ich noch meine Einzelbilder. Wir sind nicht die einzigen am Gipfel eine andere Gruppe ist auch da, sie kamen über die Maranguroute, hatten also die längste Strecke am Krater. Das Pärchen wird von ihrem Guide animiert zu albernen Tänzen und Videos. Ich bin froh, dass Bakari mich nicht um so ein Quatsch bittet. Ich möchte meine Zeit hier oben, nicht mit Videos für Instagram für die Agentur verbringen. Bakari hat mir vorher schon immer klar gemacht, dass er die Zeit hier oben, so gering wie möglich halten möchte, einfach weil ich nicht akklimatisiert für diese Höhe bin. Darum mache ich noch zwei, drei Fotos und genieße die Zeit hier oben. Nach 10 Minuten oder so brechen wir wieder auf, ich bin nicht traurig darüber, da ich langsam anfange die Höhe zu spüren und die Erschöpfung der Wanderung. Damit war meine Zeit am höchsten Punkt auch schon wieder vorbei.
Der Weg zurück
Wisst ihr warum Radfahren viel schöner als Wandern ist? Wenn man den anstrengenden Part überstanden hat und endlich am Gipfel ist, dann geht es mit dem Fahrrad einfach nur bergab und man kann es einfach nur genießen, ob schnell oder langsam, es ist einfach nur cool. Beim Wandern? Da hat man schnell mal den höchsten Puls beim bergab Abschnitt. Waren die ersten Meter nach unten einfach nur schön und fast ein Sprint wurde es danach sehr unangenehm. Angefangen davon, dass ich dehydriert war, vollkommen übermüdet und erschöpft, sind wir eine schwarze Piste auf losem Geröll nach unten gerutscht. Ich glaube rutschen trifft es am besten. Es war unfassbar anstrengend in den Beinen, die ganze Zeit abzubremsen. Und durch die Sonne wurde es auch unfassbar warm. Ich glaube, hier war der einzige Moment der Reise, wo ich wirklich mal schlechte Laue hatte, einfach weil ich nur platt war. Und da frage ich mich, wie es anderen geht? Also ohne mich zu loben, aber prinzipiell würde ich mich als fitter einschätzen als die meisten anderen Menschen. Demzufolge werden diese noch viel mehr Schwierigkeiten haben.

Also diese 8 Stunden waren schon mit das anstrengendste, was ich bisher gemacht habe. Am Ende hat diese Aktivität mich ungefähr 4000 kcal und geschätzt 5 l Wasserverlust durch schwitzen gekostet. Ich wollte einfach nur noch ins Bett. Gegen 9.30 Uhr kamen wir wieder am Zelt an und alle beglückwünschten mich. Ich wurde gefragt, ob ich gern was essen wolle. Aber ich habe mich wie ein Gepard, nach der Jagd gefühlt: zu erschöpft um direkt zu essen. Boom. Wie genial habe ich denn hier gerade einen interessanten Fakt über Geparden eingebaut?
Nach dem Schlafen war der Tag aber nicht vorbei. Es sollte noch weiter bergab gehen. Vom Essen habe ich nicht so viel runterbekommen, einfach weil ich keinen Appetit mehr hatte. Total komisches Gefühl. Also sollte es dann gegen Mittag weiter nach unten kommen, damit es mir wieder besser geht. Und hier kamen dann zum ersten Mal die Wanderstöcke zur Nutzung. Auch wenn ich mich lange Zeit innerlich dagegen gewehrt habe, da sie für mich diesen alte Menschen Wandercharakter verdeutlichen, musste ich nach den ersten 5 km bergab, eingestehen, dass es für mein Knie einfach besser ist, wenn ich diese Stöcke benutze, auch wenn es bestimmt ziemlich albern aussieht. Und naja nachdem ich mich endlich überwunden hatte, kamen auch schon die Probleme. Da ich keine Ahnung über die geeignete Handhabung dieser Stöcke. Also weder über die richtige Einstellung noch über die richtige Technik. Ich hätte mir vorher vielleicht ein Video wie „Wanderstöcke für Dummies“ anschauen sollen. Aber naja, was sagt man so schön: ein guter Wanderer lernt einfach beim Wandern. Darum ging es dann mit den Stöcken bewaffnet weiter nach unten. Das Ziel war, das High Camp, welches in einer Höhe von 3950 m liegt. Der Weg dahin war einfach nur anstrengend. Die Wanderstöcke haben es deutlich angenehmer gemacht, aber ich war einfach nicht mehr in der Lage für die Anstrengung. Ich muss wirklich sagen, dass ich hier an der Grenze war, hin zu zu viel Bewegung. Und das wir in der Mittagssonne in der Nähe des Äquators gewandert sind, hat es nicht einfacher gemacht. Aber mit viel Durchhaltevermögen habe ich es ins Camp geschafft und war einfach froh zu schlafen.

Danach ging es mir dann deutlich besser. Alles weitere heben wir uns für den nächsten Beitrag auf. Ich hoffe, ihr hattet Spaß an dieser äußerst detaillierten Beschreibung meines Gipfeltages, der mir immer in Erinnerung bleiben wird.

