Ups and Downs

Moin Moin. Keine Angst heute soll es keinen englischen Beitrag geben, auch wenn der Titel vielleicht etwas anderes suggeriert. Mal wieder ist der Sonntag mein Erholungstag und nachdem ich Zeit hatte ein wenig zu lesen und Olympia zu schauen, wollte ich von meiner durchaus ereignisreichen Woche berichten, in der ich wortwörtlich und auch metaphorisch viele Höhen und Tiefen zu bewältigen hatte. Also viel Spaß beim Lesen.

Ich befinde mich gerade noch in Montenegro in der Ortschaft Andrijevica. In der letzten Woche bin ich knapp 450 km weiter gekommen auf meiner Tour. Das klingt jetzt natürlich nicht so spektakulär, aber auf dieser Strecke musste ich auch 6800 Höhenmeter bewältigen und diese anders als die Wochen davor, in längeren und sehr anstrengenden Anstiegen. Ich bin diese Woche bis auf 1750 m hochgefahren, was den zweithöchsten Punkt meiner Tour darstellt. Die nächste Woche wird nochmal ähnlich anstrengend, aber dann sollte ich es mit den Bergen geschafft haben und dann wieder im flachen unterwegs sein. Aber gehen wir die Woche einfach mal chronologisch an, um die Berg- und Talfahrt zu erleben. (Nachtrag: Es folgt ein sehr ausführlicher Bericht meiner Woche. Wirklich sehr ausführlich, keine Ahnung was in mir vorging, dass alles zu schreiben.)

Gestartet bin ich am Montag in Split mit dem Ziel, schnell von der Küste wegzukommen und dies klappte auch wunderbar, die Fahrt war komplett anders als alles was ich bisher in Kroatien erlebt hatte, bei meinem Anstieg war ich komplett alleine und hatte keine nervigen Autos, die mich überholten. Auch die Aussicht war wunderbar, absolutes wortwörtliches als auch metaphorisches Hoch. Doch dies wurde schnell getrübt, da auch an diesem Tag wieder 35+ Grad waren, hatte ich beim Anstieg fast alles getrunken, was ich dabei hatte aber durch googeln stellte ich fest, dass der nächste Supermarkt noch 40 km entfernt war. Somit wurde dies zu einem gewissen Problem, aber ich schaffte es bis zum Supermarkt, auch wenn es nicht so angenehm war. Was ich daraus lernte eher googeln, wo Supermärkte auf der Route sind. Kein Problem. Metaphorisches Tief überstanden, dachte ich. Pustekuchen. 5 km später überquerte ich die Grenze zu Bosnien und musste da feststellen, dass ich etwas nicht bedacht hatte. Bosnien Herzegowina ist nicht in der EU. Ich habe aber nur EU-Roaming, so war innerhalb kürzester Zeit mein Guthaben weg und ich hatte kein Internet mehr. Was wiederum den Plan mit Supermärkten vorher googeln etwas über den Haufen warf. Mentaler Tiefpunkt. Diesen durchbrach ich aber indem ich an einem Wasserfall übernachtete, der wunderschön war und eine tolle Bademöglichkeit darstellte.

Am nächsten Tag probierte ich dann, mir eine eSIM zu organisieren und da es am Wasserfall ein Café mit Wifi gab, probierte ich mein Glück. Nachdem ich dann 15 Euro investiert hatte und keinen Schritt weiter war, gab ich es auf und dachte mir, wird schon werden. Da sowieso nur ein kurzer Tag anstand, brach ich auf. Und Komoot mochte mich an diesem Tag sehr und schickte mich total irrwitzige Wege, die mich auf freie Felder ohne erkennbaren Pfad führte, die in einer Sackgasse endeten. Und das alles in einem Land, was noch als stark vermint gilt. Gewisses mentales Tief. Aber ich überstand den Tag unbeschadet, fand ein Platz mit gutem freien Wifi und konnte mir dort dann eine eSIM für mein nächstes Land, Montenegro, organisieren. Ich erreichte einen gewissen Hochpunkt.

Der nächste Tag stellte eine erste sehr sportliche Herausforderung dar, mit dem Grenzübertritt nach Montenegro sowie einer Tour mit 120 km mit 1700 Höhenmetern. Aber auch wenn es wieder super heiß war, schaffte ich den Tag sehr gut, auch wenn ich mir wünschte, endlich mal wieder so etwas wie Wolken zu sehen. Dieser Wunsch sollte sich in den nächsten Tagen auch erfüllen, jedoch anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber dazu später mehr. Auch funktionierte die eSIM, zumindestens hatte ich ab und zu eine langsame Verbindung, aber besser als nichts. Somit stellte der Tag ein absolutes Hoch dar. Nichts konnte mich stoppen.

Doch dann kam Donnerstag. Hier wartete der härteste Tag der Woche auf mich. Es sollte einmal auf 1450 m und einmal auf 1750 m gehen. Der Tag startete mit dem Anstieg auf 1450 m. Der Anstieg war gut machbar und führte mich an einem kleinen Waldbrand vorbei, den niemand störte, und endete auf einem wunderschönen Plateau. Dieses Plateau war wunderschön. Es lebten nur wenige Bauern mit ihren Tieren dort und ansonsten fühlte man sich vollkommen allein. Ich machte meine Mittagspause und war super glücklich. Es ging den Tag weiter mit einer schönen Abfahrt und einer wunderschönen Straße entlang eines Berges. Alles auf einer sogenannten Panoramastraße, wobei ich mittlerweile das Gefühl habe, dass hier alles eine Panaromastraße ist. Also hat jede Straße, auf der ich gefahren bin, dieses Schild am Rand. Ich näherte mich aber dem großen Anstieg des Tages. 15 km mit etwa 900 Höhenmetern. Auf meinem Navi sah ich dann auch das der Berg der Kategorie HC war und somit der schwierigsten Stufe überhaupt möglich. Der Berg hatte einen Abschnitt mit 5 km mit etwa 500 Höhenmetern, also schon krass steil. Ich fuhr in diesen Abschnitt herein und dachte mir, nope das schaffst du nicht und kehrte um. Dort machte eine Pause am Straßenrand und wollte schauen ob es auch einen anderen Weg gibt, denn das was ich gesehen hatte, war einfach nur abartig steil. In der Pause stellte sich mir zwei Optionen, den mir bekannten Weg, oder einen anderen Weg mit 20 km mehr zu nehmen und einer mir unbekannten Höhe. Ich entschied mich für das mir bekannte Übel, denn es war mittlerweile auch 16 Uhr und ich wollte langsam über den Berg kommen. Also stellte ich mich der Herausforderung. Ich quälte mich den Berg hoch und fuhr vermutlich die langsamsten 5 km meines Lebens: 52 min. Das einzige positive am Anstieg war, dass ich im Schatten fahren konnte. Und irwie schaffte ich es hoch. Und um euch die Steilheit beschreiben zu können, es gab eine Stelle an der ich aus dem Sattel gehen musste, damit mein Vorderrad nicht in Luft geht. Am Ende des Anstieges kam ich wieder auf ein Plateu, welches noch atemberaubender war, als das vorherige, die Aussicht war phänomenal. Die Berge Montenegros sind schon etwas ganz besonderes. Ich war sowohl wortwörtlich als auch metaphorisch auf einem absoluten Hoch. Zumindest kurzzeitig, denn dann sah ich was vor mir lag und das waren Steine, viele kleine Steine, die einen Weg darstellen sollten. Es war absolut unfahrbar. Ich bewegte mich nun in fast flachen Gebiet, mit einigen kurzen Rampen, genauso langsam wie vorher bei 12 % Steigung. Ich schimpfte. Ich schob mein Fahrrad. Ich versuchte nicht hinzufallen, was auch bis auf einmal ganz gut klappte. Es folgte die zweitlangsamste 5 km Zeit: 44 min. Mit weiteren Pausen war nun über 2 Stunden vergangen und ich hatte noch über 20 km zu bewältigen, im aktuellen Tempo, eine gewisse Herausforderung. Meine Laune sank relativ schnell auf ein neues Tief. Als ich dann die Abfahrt sehen konnte, wurde der Sinkflug nach schneller. Denn es ging weiter auf Steinen. Hinzukam jetzt, dass ich noch bremsen musste und ich komplett durchgeschüttelt wurde. Doch irgendwie schafften mein Rad und ich es in einem Stück herunter. Und mittlerweile war es dann schon kurz vor 20 Uhr und ich wollte nur noch auf einen Campingplatz, duschen, essen und schlafen. Es gab 3 Campingplätze in der Region: einer ausgebucht, einer geschlossen und der dritte war weder persönlich noch per Telefon zu erreichen. Der tiefste Punkt war erreicht. Ich entschied mich, mein Zelt irgendwo in der Natur aufzustellen und wild zu campen. Irgendwann gegen 21.00 Uhr stand das Zelt. Ich war nach 100 km mit 2300 Höhenmetern vollkommen k.o. Und konnte nur noch ein wenig was essen und schlafen. Zum Kochen fehlte mir Wasser, denn das hatte ich fast alles verbraucht beim letzten Anstieg, ich hatte nur noch etwas Sojamlich bei mir für die Nacht. Obwohl vollkommen erschöpft, fühlte ich mich glücklich, dass ich den Tag geschafft hatte.

Es folgte der Freitag. Nachdem ich nun nichts mehr zu trinken für Frühstück hatte, fuhr ich in die nächste Stadt und frühstückte da. Am Morgen stellt ich fest, dass ich das Nasenstück meiner Sonnenbrille verloren hatte, wieder ein gewisser Tiefschlag. Da ich am Vorabend auch keine Zeit für Yoga und Massagepistole hatte, fühlten sich meine Beine wie Blei an und es wartete ein erneuter Anstieg auf 1450 m auf mich. Ich quälte mich den Berg hoch. Unter den Anfeuerungsrufen von einigen Bauarbeitern erreichte ich den Gipfel und wähnte mich wieder auf einem emotionalen Hoch. Dann sah ich einen Tunnel, der für Fahrradfahrer verboten war. Aber nachdem ich nun wieder über eine Stunde Berg hochgefahren bin, gab es für mich nur einen Weg, hindurch. Also rollte ich auf Seitenstreifen hindurch und hoffte dass niemand am Ende auf mich wartet und mir ein Bußgeld, aufhalst. Und es ging gut. Ich machte Pause, als Nächstes folgten 15 km bergab, kein Berg mehr für heute und die Aussicht eines Campingplatzes am See, das Leben kann so schön sein. Absoluter Hochpunkt. Nach der Abfahrt fuhr ich weitestgehend im flachen und dann hörte ich es: klirr. Ein metallisches Geräusch. Und wie wir wissen nie ein gutes Zeichen. Und ich blickte zu meinem Hinterrad und es widerte ziemlich, auch kein gutes Zeichen. Aber noch sah ich keinen Defekt. 5 km später sah ich es dann, wieder eine Speiche durch. Glücklicherweise war ich in einer Ortschaft. Ich stellte mich an den Rand und googelte nach dem nächsten Fahrradladen. 85 km entfernt. Globaler Tiefpunkt. Mein Fahrrad eierte so stark, Mit dem kam ich keine 500 m mehr weit. Also tat ich das einzigste sinnvolle und gab dem süßen Straßenhundwelpen was zu trinken. Im Ort gab es genau ein Hotel, dass genau ein Zimmer für das Wochenende frei hatte. Ich buchte es und begann das wichtige Brainstorming, indem ich auf meinem Zimmer Olympia schaute. Spaß beiseite, es stellte sich schnell heraus, dass es nur in der Hauptstadt Podgorica Hilfe für mich geben könnte, also musste ich dahin kommen. Die erste Idee war ein Auto zu mieten, dies scheiterte daran, dass das Unternehmen keine freien Autos mehr hatte. Dann blieben noch zwei Möglichkeiten: öffentliche Verkehrsmittel und Taxi. Unter großer Hilfe des Rezeptionisten fand ich die montenigrinische Seite, um ein Busticket zu buchen. Und für nicht einmal 20 Euro konnte ich Tickets für die Hin- und Rückreise buchen. Der Plan war nun nur mit dem Hinterrad nach Podgorica zu fahren, es dort reparieren zu lassen und dann wieder zurück. Einzig die Dauer der Busfahrt jeweils über 3 Stunden war ein bisschen schwer zu ertragen. Aber ich hatte keine andere Wahl. Also sollte mein Erholungstag nun zum Reperaturtag werden.

Pünktlich 6.40 Uhr stand ich am Samstag an der Bushaltestelle in Andrijevecka und hoffte, dass der Bus kommt. Und er kam pünktlich und obwohl ich das Ticket nicht ausgedruckt hatte, durfte ich mitfahren. Während der Fahrt erkannte ich schnell, warum die Busfahrt so viel länger dauerte als es für 85 km zu erwarten gewesen wäre: der Bus fuhr einfach einen riesigen Umweg. Ironie: wäre der Defekt einen Tag eher gewesen, wäre meine Bustour eine Stunde lang gewesen, obwohl ich ungefähr gleich weit von der Hauptstadt entfernt bin. Größere Ironie: es ist der langersehnte Tag mit Wolken und Regen. Und ich sitze im Bus wo das vollkommen egal ist. Aber egal, ich hatte eine Mission: Reifen reparieren und neue Sonnenbrille kaufen. Also eher zwei. Und Pizza essen. Also drei Missionen. Aber ich war positiv gestimmt, als ich dann endlich in Podgorica angekommen bin, steuerte ich sofort den ersten Fahrradladen an, dieser hatte leider keine Werkstatt, zeigte mir aber zwei Läden, wo mir geholfen werden konnte. Nach 3,5 km spazieren durch Podgorica, was jetzt nicht so spannend ist, steuerte ich den zweiten Laden an und dieser konnte mir helfen und sagte, sie werden, mein Rad reparieren. Der Mechaniker sagte mir, ich solle in einer Stunde wiederkommen. Also startete ich das Projekt Sonnenbrille. Man könnte jetzt vermuten, dass in einer Stadt mit im Sommer deutlich über 35 Grad, dass es wohl einfach werden könnte eine Sonnenbrille für das Fahrradfahren zu finden, aber es brauchte 2 Fahrradläden und 3 Sportläden bevor ich überhaupt einen Laden gefunden hatte, der Sonnenbrillen hat und 2 weitere Läden bevor ich eine fand, die mir gefällt. Aber ich hatte Mission 2 abgeschlossen und wenig später konnte ich auch mein repariertes Rad wieder abholen. Also war ich schon auf zwei Missionen erfolgreich und auch Mission Pizza konnte ich nach weiteren 3,5 km spazieren abschließen, da dass dieser Samstag sehr erfolgreich war. Und ich wieder auf einem Hoch war. Der Rest des Tages bestand aus der wahnwitzigen Busfahrt zurück, bei der es 5 verschiedene Busfahrer gab. In Erinnerung bleibt für mich der Kollege, der entweder das Konzept der Ampel nicht verstanden hatte oder eine rot-grün-Schwäche hatte. Und er ignorierte nicht nur Ampeln an Kreuzungen, wo man alles sieht, sonders liebte er es in einspurigen Baustellen einfach reinzufahren und sich dann durch den Gegenverkehr zu schlängeln. Auch bereits wartende Autos an Ampeln, wurden eiskalt überholt. Wenn das der deutsche Anzeigenhauptmeister gesehen hätte, ich glaube, er würde sofort einen Herzinfarkt bekommen. Aber auch diese Busfahrt überstand ich und landete sicher wieder im Hotel.

Heute nutze ich den Tag zur Entspannung. Einzig ein wenig umpacken meines Anhängers stand auf dem Programm, denn ich wollte mal testen, mehr Masse nach hinten zu bringen und wie sich das auswirkt. Auch baute ich mein Rückrad wieder ein und stellte immer noch eine leichte Acht fest. Ich hoffe, diese ist mehr eingebildet als tatsächlich vorhanden und ich komme zumindest bis zum nächsten Fahrradladen. Aber wird schon werden. Noch so vielen ups and downs wie in der letzten Woche habe ich gelernt, dass es immer irgendwie weiter geht. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer so scheint.

Wir lesen uns nächste Woche wieder, hoffentlich. Mal schauen wie weit ich bis dahin gekommen bin. Also bis dahin.

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