Murphy‘s Law

„Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“ (kopiert aus Wikipedia). Was Murphys Gesetz mit meiner Fahrradtour zu tun hat? Ihr erfahrt es hier, im Bericht über einen sehr ereignisreichen und denkwürdigen Tag. Viel Spaß beim Lesen.

Die ganze Story ereignete sich am Donnerstag, doch hatte ihren Ursprung am Dienstag, denn da habe ich einen absoluten Anfängerfehler gemacht. Ich habe alle Prinzipien und Regeln einer Fahrradtour gebrochen und habe über mehrere Tage hinweg geplant und habe für das Wochenende eine Unterkunft in Thessaloniki gebucht, obwohl ich noch knapp 400 km entfernt war. Gedanken dabei waren: Wird schon klappen. Im übrigen bot die Unterkunft keine Möglichkeit der Zurückerstattung an, besonders gute Idee sowas zu buchen, wenn man mit dem Rad unterwegs ist.

Das Schicksal nahm seinen Lauf am Mittwoch, als ich 20 km vor dem Ziel (noch in Albanien) wieder eine gerissene Speiche hatte. Ich schaffte es noch entspannt bis nach Debar (Nordmazedonien) und kam sicher auf dem Campingplatz an und fragte da nach einem Fahrradstore und mir wurde gezeigt, wo dieser ist, auch wenn bei Google Maps keiner zu finden war. Als ich dort ankam, wurde mir versucht zu helfen, jedoch hatten sie keine Speichen in meiner Größe da. Also hatte ich nun ein gewisses Problem. Am Abend kam noch ein Bekannter der Familie, der der Campingplatz gehörte zu mir und sagte mir, er könnte es am nächsten Tag abends reparieren. Aber aus Zeitdruck, um nach Thessaloniki zu kommen, lehnte ich ab. Also hatte ich folgende Optionen: Ich mache wieder einen Reisetage nach Skopje mit dem Hinterrad oder ich probiere 65 km weit zu fahren, um den nächsten Fahrradladen auf meiner Route zu erreichen. Logischerweise entschied ich mich für die einzig rationale und logische Möglichkeit und probierte 65 km mit gerissener Speiche zu fahren.

Also ging es Donnerstag früh los. Ich fuhr ganz entspannt, versuchte jeden Unebenheit der mazedonischen Straßen auszuweichen (die schon ein deutliches Upgrade gegenüber den albanischen sind), versuchte möglichst gleichmäßig zu treten und machte permanent pep-talk mit meinem Rad: „du kannst das schaffen“, „Jawohl 1 km ist geschafft, nur noch 64 mal, dann sind wir da“ Und es lief! Ich fuhr aus der Stadt, flitzte die Straße herunter, fuhr in den ersten Berg, wie einer junger Remco Evenepoel, mit Beinen, die sich erstaunlich gut anfühlten. Und ich dachte, kein Problem, das schaffst du locker bis Ohrid. Und dann riss die zweite Speiche, ich trete um und fuhr zurück in die Stadt, wo ich gerade hergekommen bin. Dabei versuchte ich den Busbahnhof zu finden. Doch beide Angaben (keine Ahnung warum es zwei gibt) von Google Maps waren anscheinend falsch und ich konnte keinen Busbahnhof finden. Hinzu kam nun, dass anscheinend die Telekom Mazedonien ein gewisses Problem hatte und ich kein Internet hatte. Und da stand ich nun da: in Debar, ohne Internet, kaum Menschen, die Englisch sprechen und keine Ahnung wie es weiter gehen sollte. Um zumindest erstmal vorwärts zu kommen, ging ich in ein Café, trank einen Cappuccino und nutzte das Wifi, um einen Plan zu erarbeiten. Der Bestand aus drei Optionen: Auto ausleihen (ich hatte ein Büro vorher gesehen) und ansonsten das Polizeigebäude aufsuchen und nach Hilfe fragen und falls alles nicht hilft ein Taxi finden, welche ab und zu mal vorbeigekommen sind. Auf dem Weg zum Autovermieter, fand ich dann endlich den Busbahnhof, der an einer ganz anderen Stelle war, als Google sagte. Also wann immer ihr mal in der mazedonischen Metropole Debar seid und zum Busbahnhof wollt, ihr könnt mich fragen, ich weiß es jetzt. Also ging ich da hin und hoffte gegebenenfalls einen Bus zu bekommen, um mit dem Rad entweder nach Ohrid (auf meiner Route) oder Skopje (nicht auf meiner Route) zu kommen und da das Rad reparieren zu lassen. Ich probierte mein Glück bei allen Busticketverkäufern dort. Doch niemand sprach englisch und unsere Kommunikation war sehr schwierig, da ich auch kein Translate benutzen konnte, da ich kein Internet hatte. Ich glaube, niemand hat wirklich verstanden warum ich denn mit dem Rad unbedingt Bus fahren will und sie zeigten mir immer nur die Richtung von Ohrid an. Nach einer Weile kamen verschiedene Personen hinzu: ein Busmechaniker, der Imbissbesitzer und noch einer weitere Person, die einfach nur am Busbahnhof chillte und es wurde mein Bike inspiziert. Einer sprang sofort ins Auto und wollte jemanden holen. Der andere rief seinen Sohn an, der mazedonischer Meister im Radfahren war (angeblich). Auf alle Fälle hatte ich das Gefühl, es passiert etwas. Mir wurde gesagt, ich solle kurz warten. Nach 30 min fragte ich dann mal höflich nach, worauf genau ich nun eigentlich warte, den der anfängliche Aktionismus ebbte dann doch stark ab. Mir wurde gesagt, dass der lokale Meister in 10 min kommen wird und mein Rad kostenlos reparieren wird. Also nutzte ich die 10 min, um auf Toilette zu gehen, Mittag zu essen, zu lesen, zuzusehen wie Busse nach Skopje und Ohrid wegfahren und zack wurden aus 10 min mal eben so 90 min. Ich wurde nun langsam genervt, denn es stellte sich das Gefühl ein, dass hier nichts passieren wird und ich gerade einfach nur meine Zeit verschwende. Auch meine ägyptische Abhärtung gegenüber Zeitangaben war nicht wirklich hilfreich, denn vielleicht hätte ich auch einfach eher nerven sollen. Aber nach 90 min passierte etwas. Es wurde eine Person gefunden, die englisch sprach und mir wurde gesagt, dass es hier niemanden gibt der mein Rad reparieren kann und ich nach Ohrid muss. Diese Erkenntnis, die ich schon vor 3 Stunden hatte und wenig hilfreich war. Das Hilfreiche war die Tatsache, dass man mir anbot, mich mit dem Auto zu fahren. Für den Preis für 50 € sollte mich jemand nach Ohrid fahren. Ob ich nun gerade verarscht wurde und gewartet wurde bis ein passender Bus abgefahren ist und mich nun abzuziehen oder ob es ehrliche Hilfe war? Ehrlich, ich weiß ich nicht. Der Optimist in mir sagt es war Zweiteres. Es ist auch egal. Tatsache ist, ich war schnell in einem Auto Richtung Ohrid! In einem mir nicht bekannten Land, mit einer Person, die ich nicht kannte und hofften einfach, dass dies gut ausgeht. Das Sicherheitstraining der ZfA, welches ich nun schon zweimal besucht habe, hätte mir sicherlich von sowas abgeraten.

Aber am Ende landete ich sicher in Ohrid und war glücklich. Es gab einen Fahrradstore laut Google Maps. Ich steuerte zielgerichtet darauf zu. Ich fand den Store und war frohen Mutes. Die Person im Laden sprach auch noch super englisch und sagte mir, es kann mir geholfen werden. Jedoch erst wenn der Mechaniker von seinen Mittagsschlaf wieder da ist. Das wäre so gegen 18 Uhr. Es war gerade 16.00. Also ging ich enttäuscht erstmal weiter. Und dann, nach den vielen Rückschlägen des Tages fand ich einen kleinen Laden, total alt, mit Rädern davor, nicht bei google maps vermerkt, aber ich dachte mir, frag einfach mal nach. Das Innere des kleinen Gebäudes war voller alter Fahrradzeug, total chaotisch, das Gebäude wirkte sanierungsbedürftig und es sehr dunkel. Im Raum war ein sehr alter Mann. Ich begrüßte ihn und versuchte, ihm mein Rad zu zeigen. Er verstand mich nicht wirklich, denn er sprach kein Englisch, aber antwortete mir auf einmal auf Deutsch. Aber auch nachdem ich ihn auf Deutsch nicht richtig sagen konnte, was das Problem war, wurde ich wenig genervt. Doch dann kam mir die folgende Erkenntnis: Der alte Mann war entweder blind oder schwer sehgeschädigt. Irgendwie schafften wir uns zu verständigen und er sagte, er kann mir helfen und nachdem wir gemeinsam das Hinterrad entfernt hatten (da es aufgrund des Anhängers nicht normal war) begann er seine Arbeit. Und was soll ich sagen, es war interessant zu sehen, wie er gearbeitet hat. Er muss wirklich wenig bis gar nichts gesehen haben sondern machte fast alles über den Tast- und den Hörsinn. Und das Ergebnis? Besser als die beiden ersten Reparaturen. Dies war wirklich ein besonderer Moment für mich auf dieser Tour, zu sehen, wie jemand mit vermutlich so viel Leidenschaft für sein Fach, trotz körperlicher Probleme, seine Liebe zur Berufung weiterführt und anderen in nichts nachsteht, wenn nicht sogar ganz im Gegenteil, den anderen etwas voraus hat. Ich war glücklich, dass mein Rad wieder fahrbar war, aber vermutlich glücklicher, dies erlebt zu haben und muss ehrlich sagen, dass ich diesen älteren Mann echt bewundere.

Es war nun donnerstags,17.00 Uhr und ich war 246 km von Thessaloniki entfernt. Ich hatte noch 29 Stunden, falsch 28 Stunden Zeit bis der Check-in in der Unterkunft abläuft. Ich würde meinen ne enge Kiste. Plan war es jetzt noch so weit wie möglich zu fahren und dann den Rest versuchen am nächsten Tag irgendwie zu schaffen. Und los ging, ich wollte schnell möglichst viele Kilometer schaffen. Problem dabei, es ging erstmal 20 km bergauf. Ich pushte mich und schaffte es relativ schnell. Im nächsten Ort kaufte ich dann bereits Proviant für die Nacht ein, da ich vermutlich keinen richtigen Campingplatz mehr finden würde. Und dann fuhr ich wieder los. Es folgte der zweite Berg. Durchschnittlich 6 %. Kopfsteinpflaster. Drei perfekte Zutaten für ein möglichst hohes Tempo. Und dann sah ich es. Etwas was ich für unmöglich hielt. Blitze. Ein fettes Gewitter und mit einmal war ich im krassesten Gewitter, was ich je erlebt hatte. Blitze schlugen überall ein. Okay Quatsch, jetzt gingen die Pferde mit mir durch. Ich sah zwar das Gewitter, aber es erreichte mich nicht. Das einzige was mich überraschte, war die Dunkelheit. Mittlerweile auf einer Bundesstraße, musste ich feststellen, dass mein Fahrradlicht sich in der Tasche entladen hatte und ich im Prinzip nichts sah. Damit war klar, es wird hier nicht weiter gehen. Ich suchte nach einem Platz zum schlafen. Ich fand kurze Zeit später eine Bushaltestelle, direkt an der Straße. Auch hier würde vermutlich wieder jeder Sicherheitsverantwortliche, dir davon abraten, irgendwo im mazedonischen Nirgendwo an einer Bushaltestelle an einer Bundesstraße zu übernachten. Aber das war mir relativ egal, immerhin waren die Autos so laut, dass ich mir weniger Sorgen um Bären machen musste. Und so endete der Tag mit einer Nacht in der Bushaltestelle, die ich mir zusätzlich noch mit ein paar Ameisen teilen musste.

In der Nacht bin ich dann irgendwann gegen 3 Uhr aufgewacht, weil gerade wieder ein Auto so laut war, dass mein Unterbewusstsein, die Alarmglocken anregte und mich weckte Und weil ich nicht sofort wieder einschlafen konnte, bewunderte ich den Nachthimmel und stellte mir die die Frage, ob ich denn mal meine Entscheidungen und Prinzipien in Frage stellen sollte. Ich meine es ist 3 Uhr nachts, ich liege neben Ameisen und an einer mazedonischen Straße 15 km von der nächsten Ortschaft entfernt. Und ich kann diese Frage mit einem absoluten Nein beantworten. Auch wenn dieser Tag so viel Rückschläge hatte, ich wirklich kurz vor dem Verzweifeln war, ich mir unsicher war, wie es weitergehen sollte, wird dies ein Tag sein, den ich nie vergessen werde. In ein paar Jahren werde ich mich vermutlich nicht an den Tag erinnern, an dem ich lockerleicht 100 km gefahren bin, sondern an dem Tag an dem ich ohne Internet versuchte, aus einer Stadt wegzukommen, mir ein blinder Mechaniker mein Fahrrad reparierte und ich die Nacht in einer mazedonischen Busaltestelle verbrachte.

Auch dies war wieder ein besonders langer Eintrag, aber dieser Tag war einfach so besonders und hat mir glaube ich, sehr viel deutlich gemacht. Verabschieden möchte ich mich mit folgender Geschichte: Stellt euch vor, ihr seid im Auto unterwegs. Es ist bereits 22 Uhr. Ihr fahrt gerade durch Wälder. Die nächste Stadt in 17 km. Ihr kommt an einem Parkplatz vorbei, der voller Müll ist und von einem Hunderudel regiert wird. Ihr fahrt weiter. Ihr kommt an eine lichtere Stelle, auf der rechten Seite seht ihr ein christliches Kreuz. Und dann sehr ihr auf der linken Seite eine alte Bushaltestelle. Und in der Bushaltestelle sitzt ein Typ mit Stirnlampe. Und er sitzt dort in seinem Campingstuhl und massiert gerade seine Beine mit einer Massagepistole. Und zack seid ihr vorbei und fragt euch, ob das gerade wirklich passiert ist?! 😀 Grüße aus Thessaloniki

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