Es ist vollbracht, der Ultramarathon ist in den Beinen und so viel kann ich bereits vorwegnehmen, es gab keinerlei Probleme mit meinem gefakten Gesundheitsattest und ich konnte selbstverständlich am Lauf teilnehmen und es war ein ziemliches Erlebnis. Also viel Spaß beim Lesen meines Laufberichts.
Wie bereits im letzten Eintrag erwähnt, ging der Lauf „erst“ 07.30 Uhr los, wodurch ich immerhin ein wenig schlafen konnte auch, wenn ich in der Nacht mehrmals aufgewacht bin und hoffte nicht verschlafen zu haben. Wie ich erwartet hatte, war das Wetter auch eher suboptimal und es regnete. Was mich natürlich vor ein Problem der Kleidungsfrage stellte, denn nun war eine Regenjacke mehr oder weniger Pflicht. Aber Regenjacken haben ja meistens das Problem, der geringen Atmungsaktivität und damit verbunden, dass es darunter recht schnell warm wird. Ich wollte nun vermeiden, zu wenig darunter anzuziehen, so dass es mir nicht kalt wird und ich Energie dafür verschwende, meinen Körper aufzuwärmen, aber auch nicht zu viel, damit ich nicht zu viel schwitze, um Dehydration zu vermeiden. Ich machte es nicht ganz so schlecht und mit kleinen Adjustments an den Checkpoints war mir eigentlich immer ausreichend warm.
Der Lauf war schon ein ziemliches Erlebnis. Mal abgesehen vom Sachsenlauf in Coswig war das auch mein erster richtiger Traillauf meines Lebens und Trail war da auch Programm. Es ging 30% Rampen hoch, es ging querfeldein über gerodete Baumfelder und es ging durch Flüsse durch. Jap, weil das Wasser von oben nicht genug war, ging es bei 7-8 Grad noch durch recht frische Flüsse durch. Mehrmals. Hüfttief. Aber für mich als wahrer Vikinger, der keine Kälte kennt (HA HA HA), absolut kein Problem. Natürlich hatte ich die Befürchtung, dass durch die Feuchte in meinen Schuhen sich Blasen entwickeln werden und ich würde behaupten, dass man keine Blasen haben will, wenn man noch 47 km vor sich hat. Aber glücklicherweise rieben meine Schuhe nicht und auch mein mir unbekannter Rucksack funktionierte super. Mir ist nur in der Mitte des Laufes wieder eingefallen, dass damals auf der Radtour mir mein Waschmittel genau über den Rucksack ausgelaufen ist und ich diesen nicht gewaschen hatte. Es hätte als gut sein können, dass ich hinter mir eine kleine Schaumparty veranstaltete.
Insgesamt war ich am Ende etwas unter 9 Stunden unterwegs. Und ich muss sagen, es fühlte sich bei weitem nicht so lang an. Ich habe zu keiner Zeit Musik gehört oder so. Auch gab es eigentlich nie den Moment, an dem ich wirklich kämpfen musste. Also ja körperlich habe ich die Belastung schon gespürt, aber es war eine ganz andere als beispielsweise bei einem Marathon. Was ich als sehr befreiend empfand, war die Tatsache, dass es mir um keine Zeit ging, sondern für mich das Ziel war, einfach nur anzukommen. Das machte es an vielen Stellen einfacher. Mental war es viel einfacher, als ich es erwartet hatte. Ich hatte nie den Kampf gegen mich selbst, weiterzumachen, sondern prinzipiell war mein Kopf fast leer die meiste Zeit. Zumindest nach einer Weile, fühlte es sich vollkommen normal an sich zu bewegen. Ich glaube, aus dieser Perspektive wäre ich für so einen Sport wie gemacht. Wenn ich jetzt noch einen besser geeigneten und besser trainierten Körper hätte, dann würde ich den Jim Walmsleys dieser Welt Konkurrenz machen. Und natürlich, wenn ich überhaupt so etwas wie eine Trailruntechnik hätte. Also Bergauf bin ich einfach unterminiert (ich meine, wo soll es auch herkommen) und meine Bergabtechnik ist vermutlich genauso gut wie Naruto’s Gen-Jutsu-Technik. Aber egal, dabei ist alles.
Eine ultrawitzige Anekdote möchte ich noch schnell loswerden. Am Anfang des Laufes ging es eine Straße entlang und von dieser dann nach unten an einen Fluss. An diesem ging es dann für ungefähr 500 m entlang auf einem etwa 1,5 m breiten Betonstreifen: links davon etwa 1m tiefer der Fluss, rechts davon Wiese. Und das war ungefähr bei Kilometer 2, also noch im Dunkeln. Und als ich da gemütlich lang lief, ist da einfach ein Läufer 5 m vor mir ins Wasser gefallen. Ich habe es nicht genau gesehen, was passiert ist. Aber er ist spektakulär wie Sack Zement ins Wasser geplatscht. Ich habe ihm, gemeinsam mit den anderen, sofort aus dem Wasser geholfen. Und der Mann war wirklich komplett durch. Ich weiß nicht, ob er dann weiter gelaufen ist oder nicht. Ich an seiner Stelle wäre umgedreht und nach Hause gegangen, hätte mich in mein Bett gelegt und keine Ahnung. Nachdem er wieder sicher auf dem Land war, musste ich weiter laufen, weil ich schon gemerkt hatte, wie die gemeine Schadenfreude in mir Überhand nahm und ich anfangen musste zu lachen.
Okay abschließend möchte ich die Frage beantworten, die ich relativ oft bekomme: Warum machst du das? Und normalerweise ist es wirklich schwer, diese Frage zu beantworten, denn ich kann es meistens selbst nicht in Worte fassen. Aber es gab in diesem Lauf, einen Moment an dem ich realisierte, warum ich solche Dinge mache. Es war nach ungefähr 48 km und ich befand mich gerade am letzten Checkpoint vor dem Ziel. Es war kalt, ich war durchnässt und meine Beine, naja fühlten sich eben an wie Beine, die 48 km mit 1850 Höhenmetern gelaufen sind. Der Checkpoint war ein kleines Zelt mit Verpflegung und ich hatte mir ein kleines Sandwich bestehend aus zwei Toastscheiben, einer Scheibe Käse und ein paar Salzchips gemacht. Und ich stand so da und habe mein 3-Sterne-Deluxe-Sandwich genossen und genau in dem Moment stellte ich fest, dass ich einfach nur glücklich bin. Wirklich alles war in dem Moment egal, dass einzige was in dem Moment für mich wichtig war, war dieses, in diesem Moment unglaublich leckere, Sandwich zu essen. All der Alltagsstress, der Arbeitsstress oder die Gedanken über die Zukunft oder all die anderen Dinge, die mich so beschäftigen, fühlten sich an, als wären sie in einem anderem Universum und vollkommen unwichtig. Es gab nur mich und das Sandwich. Um es mit Fausts Worten auszudrücken, könnte ich zu dem Moment sagen: „Verweile doch, du bist so schön.“ So stand ich da irgendwo im nirgendwo und freute mich über mein Sandwich. Und wenn ihr denkt, wie kann so ein Sandwich schmecken, dann bedenkt bitte, ich habe nicht nur eine Chipssorte benutzt, sondern ich habe die geriffelten mit den normalen Salzchips gemischt, um das Sandwich noch ein wenig aufregender zu machen.
So das soll es dann mal wieder gewesen sein. Viel mehr habe ich nicht zu sagen. Ich verspreche wie immer hoch und heilig mich wieder rechtzeitig zu melden. Mal schauen wie das so funktioniert.