2800 km später

Und dieses Mal tatsächlich nicht von irgendeinem Campingplatz, aus einem Café oder von einem wohlverdienten Ruhetag irgendwo in der Türkei, sondern wieder ganz normal aus meiner Wohnung. Denn ich bin gestern bereits wieder in Istanbul angekommen.

Und wie! In den letzten fünf Tagen bin ich sage und schreibe 700 Kilometer gefahren. Also fast wie bei der Tour de France. 😉 Vielleicht nicht ganz in deren Tempo, aber vom Umfang her war das schon ziemlich ordentlich.

Damit ist es jetzt also wirklich Zeit, ein Fazit meiner diesjährigen Tour zu ziehen.

Am Ende stehen 2800 Kilometer, 28.000 Höhenmeter und 139 Stunden auf dem Fahrrad, verteilt auf 24 Fahrtage. Das macht durchschnittlich pro gefahrenem Tag ungefähr 117 Kilometer, 1170 Höhenmeter und 5 Stunden 50 Minuten auf dem Rad.

Ich kann mich nicht mehr ganz genau an die Zahlen meiner Reise von Dresden nach Istanbul erinnern. Ich glaube, die war insgesamt etwas länger, aber damals war ich definitiv nicht so schnell unterwegs und bin auch nicht so viele Kilometer pro Tag gefahren.

Und dieses Mal bin ich am Ende sogar ungefähr eineinhalb Wochen früher als erwartet wieder in Istanbul angekommen. Das hat mich selbst ziemlich überrascht.

Daraus ergibt sich direkt die erste wichtige Erkenntnis für kommende Touren: 500 Kilometer pro Woche sind offenbar etwas zu defensiv geplant. Nächstes Jahr darf ich durchaus mit mehr rechnen und insgesamt vielleicht eher in Richtung 3500 bis 4000 Kilometer planen.

Was mir aber noch viel mehr aufgefallen ist: Ich habe mich dieses Jahr körperlich deutlich besser und stärker gefühlt als noch vor zwei Jahren.

Etappen wie der Tag mit 3000 Höhenmetern oder die knapp 190 Kilometer an einem Tag wären damals für mich so wahrscheinlich überhaupt nicht denkbar gewesen. Zumindest nicht mit der Geschwindigkeit und auch nicht mit dem Gefühl, danach am nächsten Morgen einfach wieder aufs Rad steigen zu können.

Und das finde ich schon ziemlich spannend, weil ich im Alltag eigentlich gar nicht so wahnsinnig viel Fahrrad trainiere. Trotzdem bin ich offensichtlich fitter geworden. Vielleicht hilft es eben doch, wenn man sonst ständig läuft, Krafttraining macht und generell nie wirklich stillsitzt. 😉

In der letzten Woche ist mir außerdem etwas aufgefallen, was ich wahrscheinlich fast noch interessanter finde.

Nachdem man vier Wochen mit dem Fahrrad unterwegs war, absurd steile Küstenstraßen geschafft hat, die Autofahrer in Trabzon überlebt hat, an einem Tag vom Meeresspiegel bis ins Hochgebirge gefahren ist und bei 35 Grad stundenlang durch die Sonne geradelt ist, verändern sich irgendwie die Maßstäbe.

Neue Herausforderungen lösen irgendwann deutlich weniger Stress aus.

Man schaut auf die Strecke, sieht den nächsten Berg und denkt sich einfach: Wird schon. Ich schaffe das.

Und wenn es eben länger dauert, dann dauert es länger. Insbesondere der Gegenwind in der letzten Woche. Normalerweise etwas was mich sehr nervt und schnell Negativität mit sich bringt, dieses Jahr fast gar nicht. Bis auf ein kurzes Fluchen, als es mich mal fast vom Rad geweht hätte. 

Gerade dieses Gefühl fand ich in den letzten Tagen ziemlich cool. Wobei meine Beine da auch einfach unfassbar stark waren. Teilweise konnte ich an Hügeln und Bergen richtige kleine „Intervalle“ fahren und hatte plötzlich das Gefühl, dass da nach fast 3000 Kilometern immer noch ziemlich viel Druck vorhanden ist.

Generell muss ich sagen: So ein Projekt abzuschließen, gibt einem schon einen ziemlich krassen Schub.

Und weil ich nun vier Wochen auf türkischen Straßen unterwegs war, möchte ich auch noch einmal etwas betonen, was ich vor der Tour häufiger gefragt wurde:

„Ist das nicht gefährlich?“

Meine Antwort nach 2800 Kilometern: eigentlich absolut nicht.

Natürlich gab es Situationen, die nicht so geil waren. Wenn ich nachzähle, komme ich aber auf ungefähr drei wirklich gefährliche Situationen. Zweimal mit Autofahrern in Städten und einmal, als mich ein paar Omis vor den bösen Hunden retten mussten.

Ansonsten war das Radfahren hier erstaunlich entspannt.

Die Autofahrer waren zum Großteil super freundlich, haben Abstand gehalten, gehupt, gewunken und mich unterstützt. Und ich habe auf dieser Tour mehrfach Dinge aus fahrenden oder haltenden Autos geschenkt bekommen, was mir vorher auf meinen Radreisen so auch noch nicht passiert ist.

Also ja: Ich kann jedem nur empfehlen, einmal mit dem Fahrrad durch die Türkei zu fahren. 😉

Was ebenfalls ziemlich bemerkenswert war: kein einziger Platten.

In der letzten Woche habe ich mir langsam ein bisschen Sorgen um meinen Hinterreifen gemacht, weil der schon deutlich abgefahren aussah. Aber er hat durchgehalten. Bis Istanbul. Danke für deinen Dienst. 🫡

Auch meine Speichenproblematik war dieses Jahr glücklicherweise kaum ein Thema.

Am Anfang gab es zwar wieder einen Vorfall, aber nachdem ich in Samsun diesen wirklich guten Fahrradmechaniker gefunden und anschließend mein Gepäck noch einmal etwas umverteilt hatte, war Ruhe.

Die restlichen ungefähr 2000 Kilometer: keine Probleme mehr.

Das hat mich wirklich sehr glücklich gemacht, weil die Speichen vor der Tour eines meiner größten Sorgenkinder waren.

Auch beim Gepäck muss ich mir dieses Jahr tatsächlich mal selbst auf die Schulter klopfen. Ich glaube, ich habe wirklich alles, was ich mitgenommen habe, entweder benutzt oder war sehr froh darüber, es nicht benutzen zu müssen.

Ersatzschläuche zum Beispiel. Werkzeug. Solche Sachen.

Eventuell hätte auch ein Paar Laufschuhe statt zwei gereicht. Aber gut. Das ist jetzt wirklich Meckern auf hohem Niveau.

Und was bleibt jetzt?

Zum einen habe ich dieses Jahr mit meiner Kamera ziemlich viele Videos aufgenommen. Jetzt muss ich mal schauen, ob sich aus diesen ganzen Aufnahmen tatsächlich ein schönes Video der Tour zusammenschneiden lässt. Material dürfte auf jeden Fall genug vorhanden sein.

Dann natürlich die wichtigste wissenschaftliche Untersuchung nach einer vierwöchigen Fahrradtour: Was sagt die Waage?

Ergebnis: ungefähr zwei bis drei Kilogramm weniger.

Damit kann ich sehr gut leben. 😉

Und ansonsten freue ich mich ehrlich gesagt jetzt schon auf den nächsten Sommer und die nächste große Fahrradtour. Wo auch immer die dann hingeht.

Bis dahin genieße ich allerdings erst einmal ein paar Dinge, deren Luxus man nach vier Wochen Bikepacking plötzlich ganz anders zu schätzen weiß.

Zum Beispiel eine Toilette.

Eine saubere Toilette.

Die immer da ist.

Und eine Dusche.

Auch immer da.

Fantastische Erfindungen.

Was mir gestern Nachmittag ebenfalls direkt aufgefallen ist: Es ist unglaublich komisch, plötzlich nichts tun zu müssen.

Auf so einer Tour ist man eigentlich den kompletten Tag beschäftigt.

Zelt abbauen. Essen. Packen. Radeln. Essen. Radeln. Essen. Radeln. Einkaufen. Radeln. Schlafplatz suchen. Zelt aufbauen. Kochen. Essen. Lesen. Schlafen.

Und dann wieder von vorne.

Gestern saß ich irgendwann in meiner Wohnung und musste einfach… nichts machen.

Sehr merkwürdig.

Ich hoffe allerdings, dass ich es jetzt auch zwischen meinen Radreisen wieder etwas häufiger schaffe, mich hier zu melden. Sportlich wird es bei mir jedenfalls nicht langweilig.

Im September steht ein Trailrun an, vielleicht kommt noch ein Radrennen dazu, im November folgt der Marathon und im Dezember dann wieder ein Ultramarathon.

Es gibt also weiterhin genug Möglichkeiten, fragwürdige sportliche Entscheidungen zu treffen. 😉

In diesem Sinne: Haut rein!

Ich gelobe Besserung, was meine Aktivität hier angeht, und melde mich sicherlich bald wieder.

Bis dahin genieße ich erst einmal meine Dusche.

Und meine Toilette.

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