Hallihallo!
Mittlerweile sind drei Wochen geschafft und ich habe dieses Mal sogar gleich zwei ganze Ruhetage. Wie es dazu gekommen ist, dazu später mehr.
Inzwischen habe ich den östlichen Teil meiner Route hinter mir gelassen und bin auf meiner Südschleife angekommen. Die Woche war wieder ziemlich erfolgreich: Über 650 Kilometer standen auf dem Tacho und ich habe einige 2000er überquert. Glücklicherweise musste ich die nicht jedes Mal vom Meeresspiegel aus erklimmen. Die meiste Zeit war ich ohnehin schon auf 1400 bis 1600 Metern unterwegs. Insgesamt habe ich jetzt die 2000-Kilometer-Marke geknackt. Eigentlich sind das schon zwei Drittel meiner ursprünglich geplanten Tour, auch wenn ich mittlerweile ohnehin regelmäßig von der Planung abweiche. Man könnte also sagen: Es läuft. Oder besser gesagt: Es rollt.
Mittlerweile hat mich auch der türkische Sommer endgültig eingeholt. Wolken sind inzwischen ungefähr so selten wie deutsche Nummernschilder mitten im anatolischen Hochland und tagsüber klettert das Thermometer zuverlässig über die 30 Grad. Nachts dagegen wird es erstaunlich kalt. Das durfte ich feststellen, als ich mir erst einmal einen kleinen Schnupfen eingefangen habe.
Wenn man dann stundenlang durch diese scheinbar endlose Landschaft fährt, in der außer der Straße und ein paar Hügeln oft überhaupt nichts zu sehen ist, stellt man sich schon manchmal die Frage: Warum kannst du nicht einfach wie ein normaler Mensch irgendwo am Pool liegen und Urlaub machen?
Und diese Frage wird ziemlich laut, wenn einem der Gegenwind entgegenbläst, die Straße plötzlich so holprig wird, dass der Hintern vor Freude weint, oder wenn man innerhalb von zwei Minuten auf einer Abfahrt gleich von zwei Bienen gestochen wird und die Stiche anschließend vier Tage lang anschwellen. Da fällt eine gute Antwort erst einmal schwer.
Zum Glück gibt es immer wieder genau diese kleinen Momente, die alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Jemand reicht einem eine Gurke aus dem Autofenster. Ein Bauarbeiter drückt einem eine kalte Wasserflasche in die Hand. Eigentlich sind das Kleinigkeiten. Aber genau diese Kleinigkeiten bleiben im Kopf.
Und manchmal passieren Dinge, die einfach komplett absurd sind.
Mitten in der Türkei, irgendwo bei Erzincan, stoße ich auf einen Campingplatz, der tatsächlich Ricardo heißt. Der Betreiber lebt eigentlich in Istanbul. Etwa 500 Meter von meiner Wohnung entfernt. Und als wäre das noch nicht genug, ist seine Familie auch noch die Vermieter einer Kollegin von mir. Ehrlich… wie klein kann diese Welt eigentlich sein?
Aber all diese Geschichten sind am Ende nur ein Teil dessen, warum ich solche Reisen überhaupt mache.
Es steckt auch etwas sehr Eigenes dahinter. Ich merke das jetzt schon an meinem Ruhetag. Mein Körper braucht die Pause definitiv. Aber kaum kommt die Energie langsam zurück, will ich schon wieder aufs Rad. Irgendwie zieht es mich einfach weiter.
Ich glaube, ich liebe diese Herausforderungen. Nicht, weil ich der Schnellste oder Beste sein möchte. Sondern weil ich wissen will, ob ich es schaffen kann. Das ist bei Wettkämpfen genauso. Mich reizt weniger das Ergebnis als die Frage: Bin ich dazu in der Lage?
Und dann ist da natürlich dieses Gefühl von Freiheit. Fast alles selbst in der Hand zu haben. Zu entscheiden, wie weit ich heute fahre. Wo ich mein Zelt aufschlage. Hoffentlich dieses Mal ohne den Hinweis, dass hier regelmäßig Bären vorbeikommen. Oder an welcher Tankstelle ich Pause mache. Wobei wir uns da nichts vormachen müssen: Shell schlägt einfach alle anderen.
Passend zum Thema Herausforderungen noch eine kleine Geschichte.
Am Mittwoch war ich auf dem Weg nach Sivas und hatte ehrlich gesagt leichte Motivationsprobleme. Der Tag zuvor war lang gewesen, es war heiß und irgendwie lief es einfach nicht. Also schmiedete ich einen vernünftigen Plan: Die restlichen 190 Kilometer bis Kayseri auf zwei Tage aufteilen und dafür am Samstag entspannt einen Ruhetag genießen.
Dann habe ich in der Nähe von Sivas richtig gut geschlafen. Morgens losgefahren. Rückenwind auf den ersten Kilometern.
Und plötzlich meldet sich dieses kleine Stimmchen im Kopf:
“Warum eigentlich nicht die ganzen 190 Kilometer heute fahren?”
Am Anfang musste ich selbst über die Idee lachen. Aber das kennt wahrscheinlich jeder. Man denkt an diese eine Süßigkeit, die man ewig nicht gegessen hat. Erst ganz kurz. Dann immer wieder. Irgendwann schmeckt sie im Kopf schon besser als in Wirklichkeit.
Und zack… Boom…
…190 Kilometer an einem Tag.
Manchmal ist mein größter Gegner eben nicht der Berg oder der Gegenwind, sondern mein eigenes Gehirn.
Immerhin habe ich mir dadurch jetzt zwei komplette Ruhetage verdient. Einen davon werde ich wahrscheinlich trotzdem wieder für ein bisschen Sport nutzen. Ganz ruhig sitzen kann ich mittlerweile wohl einfach nicht mehr.
Danach geht es dann langsam wieder in Richtung Istanbul.
Bis zum nächsten Ruhetag!