Moin Moin aus Istanbul!
Nach langer Zeit melde ich mich mal wieder. Die ersten Wochen in der Schule sind geschafft, und so langsam lässt auch die erste Hochphase der Arbeitsbelastung nach. Prinzipiell genau zur richtigen Zeit, denn ich nähere mich dem sportlichen Highlight meines Jahres: dem Istanbul-Marathon. Die letzten Wochen bestanden dementsprechend neben der Schule vor allem aus Laufen, Krafttraining und Stretching. Und davon möchte ich mal wieder ein bisschen berichten.
Nachdem ich ziemlich genau vor einem Jahr mit einer Lungeninfektion ordentlich ausgeknockt war und wochenlang nicht trainieren konnte, hatte ich mir für dieses Jahr vorgenommen: Es soll ein richtiges Laufjahr werden. Nicht nur ein paar Wochen motiviert auf irgendeinen Wettkampf hintrainieren, sondern möglichst über das gesamte Jahr dranbleiben.
Und das habe ich tatsächlich ziemlich gut hinbekommen. Mal abgesehen von der Fahrradtour, aber ich meine: Da bin ich ungefähr 30 Stunden pro Woche Rad gefahren. Ich denke, das ist als kleine Laufpause verkraftbar. Ansonsten habe ich in diesem Jahr bei bisher 175 Läufen bereits rund 2100 Kilometer zu Fuß abgespult. Nicht immer schnell, aber zumindest in der Regel rennend.
Auch das Frühjahr lief – HAHAHA – in dieser Hinsicht echt gut. Mehrere persönliche Rekorde auf den kürzeren Strecken, also über zehn Kilometer und im Halbmarathon, haben schon ziemlich Lust auf mehr gemacht. Wobei es auch eine interessante Entwicklung ist, wenn man irgendwann einen Halbmarathon unter „kürzere Strecken“ einsortiert. Aber gut, anderes Thema.
Die Anmeldung für den Marathon war jedenfalls schon Anfang des Jahres erledigt. Und seitdem hatte ich immer im Hinterkopf: Bei diesem Lauf will ich richtig fit sein.
Stand jetzt, zwei Wochen vorher: Bin ich.
Zumindest habe ich die härtesten Einheiten hinter mir und slide jetzt langsam in den Taper. Also in die Phase, in der ich weniger trainiere, damit die Beine bis zum Marathon hoffentlich wieder frisch werden. In den letzten drei Wochen war ich im Schnitt knapp 80 Kilometer pro Woche laufend unterwegs. Dazu dann noch eine Radeinheit mit 40 bis 50 Kilometern, Krafttraining und der ganze Rest.
Entsprechend gab es zuletzt eher selten einen Lauf, bei dem ich am Anfang dachte: „Cool, die Beine sind superleicht. Das wird heute easy peasy.“ Keine Ahnung mehr, wie sich das anfühlt. Hoffentlich weiß ich es in zwei Wochen wieder.
Das Faszinierende ist allerdings, dass ich in diesen Wochen trotzdem einige meiner besten Trainingseinheiten hatte. Also jemals. Sowohl bei den Intervallen als auch bei den langen Läufen. Die Beine fühlen sich anfangs nicht unbedingt so an, als hätten sie große Pläne, und liefern dann doch ziemlich ordentlich ab. Darum bin ich grundsätzlich positiv gestimmt.
Allerdings läuft bei so einem Projekt wie einer Marathonvorbereitung natürlich nicht immer alles so rund, wie man sich das wünscht.
Erst letzte Woche hatte ich bei meiner Generalprobe einen unfassbaren Tiefpunkt. Geplant waren 34 Kilometer. Eine lange Einheit, klar, aber eigentlich eine, für die ich vorbereitet war. Körperlich war auch vieles vollkommen okay. Nur mein Kopf hatte nach ungefähr 17 Kilometern absolut keine Lust mehr.
Normalerweise kann ich mit solchen mentalen Löchern ganz gut umgehen. Irgendwie komme ich da meistens wieder raus. An diesem Tag habe ich allerdings praktisch noch eine Schaufel mitgebracht und das Loch einfach weiter ausgehoben.
Das Gemeine daran: Rein leistungsmäßig bin ich erst einmal gar nicht groß eingebrochen. Ich konnte noch laufen. Es war trotzdem ein furchtbarer Lauf. Jeder weitere Kilometer fühlte sich im Kopf nach einer Aufgabe an, auf die ich wirklich überhaupt keinen Bock mehr hatte. Am Ende war ich einfach froh, nach 32 Kilometern wieder zu Hause zu sein. Die geplanten 34 waren da längst nicht mehr wichtig. Wichtig war vor allem, dass ich mich irgendwie weiterbewegt hatte.
Und dann laufe ich eine Woche später 28 Kilometer, davon zweimal fünf Kilometer im geplanten Marathontempo, und denke am Ende: „Was, schon vorbei? Hätte ruhig noch länger sein können!“
Manchmal ist Laufen einfach ein komischer Sport. Oder mein Körper ist komisch. Oder mein Kopf. Wer weiß das schon so genau.
Überhaupt finde ich, dass Laufen gleichzeitig der einfachste und der schwierigste Sport sein kann. Einfach, weil man im Grunde nur rausgehen und sich bewegen muss. Die ganzen Diskussionen über Schuhe, Intervalltraining oder Periodisierung sind ja erst einmal zusätzlicher Schnickschnack. Wenn man einfach laufen möchte, muss man sich damit überhaupt nicht beschäftigen. Man braucht vor allem die eigenen Beine und muss los.
Und genau dieses Los ist manchmal das Schwierigste.
Wie oft sitze ich da und muss mich wirklich dazu zwingen, jetzt rauszugehen? Obwohl ich den Sport mag. Obwohl ich weiß, dass ich mich hinterher meistens darüber freue. Obwohl ich mir das alles vollkommen freiwillig ausgesucht habe. Manchmal werden ausgerechnet solche Läufe dann mit die besten. Und manchmal werden sie das eben nicht. Dann kann ich zumindest stolz darauf sein, dass ich es gemacht habe.
Wobei meine Generalprobe auch gezeigt hat: Mit dem Loslaufen ist es manchmal leider noch nicht getan. Man kann sich auch nach 17 Kilometern noch ziemlich erfolgreich selbst im Weg stehen.
Was bleibt also jetzt, zwei Wochen vor dem Marathon?
Vor allem eine ziemlich große Portion Ungewissheit. Bin ich tatsächlich so gut in Form, wie Garmin, Strava und mein Coach behaupten? Die prognostizieren mir aktuell Zeiten zwischen 3 Stunden 6 Minuten und 3 Stunden 8 Minuten. Das bedeutet ungefähr eine Pace von 4:25 bis 4:27 Minuten pro Kilometer. Und zwar nicht mal eben für ein paar flotte Kilometer, sondern über einen kompletten Marathon.
Das wäre eine sooo krasse Steigerung gegenüber meinen bisherigen Marathons, dass ich es selbst noch nicht richtig glauben kann. Die guten Einheiten sprechen dafür, dass ich viel geschafft habe. Trotzdem schaue ich auf diese Zeiten und denke: Echt jetzt? Ich? Mit dieser Lauftechnik? Und dieser Körperhaltung beim Rennen?
Aber gut, das jetzt hier endlos auszudiskutieren, bringt wahrscheinlich auch wenig. Das mache ich in meinem Kopf schon ausreichend.
Wenn ich an den Lauf denke, spüre ich jedenfalls inzwischen eine ordentliche Mischung aus Vorfreude, Anspannung und einer gewissen Ehrfurcht. Ich habe richtig Lust darauf, herauszufinden, was geht. Gleichzeitig gehe ich mal stark davon aus, dass ein Marathon in diesem Tempo mit einigen schwierigen Momenten verbunden sein wird. Da wäre es natürlich schön, wenn mein Kopf dieses Mal auf die zusätzliche Schaufel verzichten könnte.
Die großen Trainingseinheiten sind jetzt jedenfalls erledigt. In den nächsten zwei Wochen geht es vor allem darum, den Beinen ihre Frische zurückzugeben und mich mental auf mehr als drei Stunden Rennen vorzubereiten. Ein bisschen weniger machen, obwohl das Ziel immer näher rückt. Gehört offenbar auch zu diesem komischen Sport dazu.
Die Vorbereitung war nicht durchgehend schön, aber sie war gut. Teilweise sogar richtig gut. Jetzt möchte ich sehen, was ich davon in Istanbul auf die Straße bringen kann.
Also: auf drei Stunden plus.
Inşallah mit möglichst wenig Plus.
Haut rein!