Etwas später als geplant, aber in den letzten Tagen hatte ich ziemliche Probleme mit der Stromversorgung. Irgendwann muss man dann priorisieren und das Handy gewinnt gegen den Blog. 😄 Deshalb gibt es den ersten Eintrag jetzt nach etwa zehn Tagen statt nach einer Woche.
Gefühlt könnte ich allerdings auch schreiben: nach einem Monat. In diesen zehn Tagen ist einfach unglaublich viel passiert.
Aber fangen wir erstmal mit den Hard Facts an: Ich bin inzwischen in Samsun angekommen und habe bis hierher rund 880 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt. Dazu kommen unfassbare 12.800 Höhenmeter.
Ehrlich gesagt hatte ich damit überhaupt nicht gerechnet. Für eine Küstenfahrt klang das Profil bei Komoot eigentlich ziemlich entspannt. Im Nachhinein weiß ich auch warum: Die riesigen 2.000-Meter-Berge im Landesinneren haben die Höhenprofile so verzerrt, dass die vielen kleinen Anstiege mit 100 bis 300 Höhenmetern kaum noch zu erkennen waren.
Klein ist dabei übrigens relativ. Nach dem zehnten Anstieg an einem Tag fühlt sich auch ein “kleiner Hügel” irgendwann verdächtig nach Alpenpass an insbesondere wenn diese so steil sind, wie sie in der Türkei sind.
Im Prinzip ging es die ganze Zeit nur hoch und runter. Eine kostenlose Berg- und Talbahn. Bergab war ich allerdings deutlich schneller unterwegs als bergauf. Bei 13 % Steigung geht es irgendwann nur noch darum, mit knapp 5 km/h weder nach links noch nach rechts umzukippen.
Die Tage waren wirklich unfassbar anstrengend, gleichzeitig aber auch unglaublich belohnend. Die Natur… 🤩 Dafür fehlen mir ehrlich gesagt die Worte. Ich glaube, diese ersten Tage gehörten zu den schönsten, die ich jemals auf dem Fahrrad erlebt habe.
Und dann sind da noch die Menschen. Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie herzlich ich hier überall aufgenommen werde. Fast überall werde ich mit aufmunterndem Hupen unterstützt, auf Campingplätzen werde ich regelmäßig zum Essen eingeladen oder bekomme etwas geschenkt. Mal sind es Kirschen aus dem Garten, mal Paprika oder Mais, manchmal sogar eine komplette Mahlzeit.
Ein besonders verrückter Moment war, als ich mit den Neffen einer türkischen Familie per Facetime telefoniert habe. Sie wollten mir einfach zeigen, dass sie jemanden aus Deutschland kennen. Auf einem anderen Campingplatz komme ich an und treffe innerhalb von drei Minuten zwei Türken, die Deutsch sprechen. Auf einem anderen Campingplatz steht plötzlich jemand aus Sachsen neben mir, der mit seinem alten Trabi durch die Türkei fährt. Solche Begegnungen machen die Reise einfach besonders.
Spannend finde ich auch, wie wenige andere Bikepacker unterwegs sind. Auf den ersten knapp 900 Kilometern habe ich genau zwei getroffen. Der erste kam mir entgegen und fuhr nach Istanbul. Den zweiten hatte ich am Vorabend zufällig schon beim Laufen gesehen.
Am nächsten Tag haben wir uns dann am Berg ein kleines Wettrennen am Berg geliefert. Wobei “Wettrennen” vielleicht etwas übertrieben ist. Eher ein Schneckenrennen. Er fuhr mit 7,8 km/h vor mir, ich kam mit rasanten 8,3 km/h langsam näher. In meinem Kopf fühlte sich das ungefähr an wie Pogacar gegen Evenepoel bei der Tour de France.
Er kam aus Wrocław und ist auf dem Weg nach Baku. Wir sind anschließend noch ein Stück gemeinsam gefahren, haben uns in einer Abfahrt aber wieder verloren. Am Abend sind wir uns zufällig noch einmal begegnet. Zum Abschied hat er mir noch einen seiner Sticker geschenkt. Schade, dass ich kein Instagram habe. Für genau solche Begegnungen wäre das manchmal doch ganz praktisch.
Jetzt stehen erstmal noch etwa 350 Kilometer bis Trabzon an. Eigentlich eher entspannte Etappen, wobei ich vermute, dass der Gegenwind der eigentliche Gegner sein wird. Dank meines neuen Set-ups mit den Aufliegern machen flache Etappen aber inzwischen richtig Spaß. Schon jetzt bin ich unglaublich froh, dass ich das Rad dieses Jahr noch einmal umgebaut habe. Das war definitiv ein echtes Upgrade.
Ab Trabzon wird es dann ernst. Dort geht es ins Hochgebirge. Aktuell habe ich drei verschiedene Routen nach Bayburt im Kopf und ehrlich gesagt keine Ahnung, welche ich nehmen werde. Aber diese Entscheidung kann ruhig noch ein paar Tage warten. Die treffe ich dann vor Ort. Für Empfehlungen und Erfahrungswerte bin ich dankbar, also wer schon mal die Strecke gefahren ist, gibt mir bitte Bescheid.
Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit.
Görüşürüz!