Grüße aus dem inzwischen doch ziemlich warmen Bayburt!
Ich bin mittlerweile im Landesinneren angekommen und habe die in den letzten Tagen doch recht feuchte Schwarzmeerküste hinter mir gelassen. Nach einem der bisher härtesten Tage auf dem Rad habe ich mir diesen Ruhetag aber auch wirklich verdient.
Vom letzten Eintrag in Samsun war das Ziel eigentlich ganz einfach: so schnell wie möglich nach Trabzon kommen. Der Wind spielte dabei komplett auf meiner Seite. Rückenwind und der Auflieger sind schon eine ziemlich gute Kombination. Dadurch konnte ich beim Bikepacking richtig Strecke machen. 170 Kilometer an einem Tag mit einem Schnitt von über 25 km/h. Da könnte man fast denken, ich hätte heimlich auf ein E-Bike gewechselt oder mich zwischendurch ziehen lassen. Habe ich aber nicht.
Auf dem Weg warteten allerdings auch unzählige Tunnel. Ich glaube, an einem Tag waren es insgesamt fast 20 Kilometer Tunnel. Und heidewitzka… ich hasse Tunnel.
Ich sitze dort auf dem Fahrrad ungefähr so entspannt wie eine Katze beim Tierarzt. Komplett verkrampft, jede Hand fest am Lenker und mit dem Blick nur nach vorne gerichtet, während ich darauf hoffe, dass das Licht am Ende des Tunnels endlich größer wird.
Das bringt mich auch direkt zum Thema Verkehr. Insgesamt muss ich wirklich sagen: Die Autofahrer hier sind unglaublich rücksichtsvoll. Sie halten riesige Abstände beim Überholen, hupen oft zur Aufmunterung und manche unterhalten sich sogar während der Fahrt kurz mit mir. Gut… wenn man gerade mit Puls 160 eine 13-Prozent-Rampe hochkriecht, interpretiert man eine Hupe nicht immer sofort als Motivation. Aber die Geste ist trotzdem schön.
Nur in den großen Städten wird es deutlich stressiger. Ich weiß nicht, was Städte mit uns Menschen machen, aber irgendwie scheinen dort alle mehr unter Strom zu stehen. Es wird enger gefahren, hektischer überholt und generell nimmt die Rücksicht etwas ab. Zum Glück verbringe ich den Großteil meiner Zeit aber irgendwo zwischen Bergen, kleinen Dörfern und Landstraßen.
Übernachtet habe ich meistens direkt am Strand. Das freie Campen ist in der Türkei vielerorts überhaupt kein Problem und oft wirklich wunderschön. Allerdings merke ich dabei immer wieder, dass mein Tagesrhythmus nicht ganz zum türkischen passt.
Während ich gegen 21:30 Uhr gerade gegessen habe, den Abwasch erledige, Zähne putze und mich darauf freue, unter dem Sternenhimmel in den Schlafsack zu krabbeln, beginnt für andere der Abend offenbar gerade erst. Dann kommt noch eine größere Gruppe an den Strand, baut Stühle auf, spielt Karten, unterhält sich und stellt den größtmöglichen Lautsprecher auf, den man offenbar kaufen konnte.
Naja… immerhin konnte ich beim Lesen Musik hören, ohne den Akku meiner Geräte zu belasten.
Von Trabzon ging es dann schließlich weg von der Küste und hinein ins Landesinnere. Dafür musste ich lediglich einen kleinen Hügel überwinden.
Also wirklich nur einen ganz kleinen.
50 Kilometer Anstieg und 2570 Höhenmeter.
Ich glaube, das war der längste Anstieg meines bisherigen Lebens und definitiv der mit den meisten Höhenmetern am Stück.
Vorher war ich lange unsicher, ob ich doch die einfachere Route nehmen sollte. Vor allem, weil Komoot unterwegs auch noch ein sechs Kilometer langes Gravelstück eingebaut hatte. Aber ich bin bei meinem ursprünglichen Plan geblieben. Und muss sagen, dass ich es absolut nicht bereut habe.
Ich teste ja ganz gerne aus, wo mein persönliches Limit liegt. Und diesen Berg mit Anhänger, Gepäck und teilweise bis zu 17 Prozent Steigung hochzufahren, war schon ziemlich nah dran.
Aber genau deshalb war es wahrscheinlich einer der schönsten Tage der bisherigen Reise.
Die Straße war traumhaft. Fast kein Verkehr, großartige Landschaft und irgendwann fuhr ich tatsächlich direkt in die Wolken hinein. Nicht nur ein bisschen Nebel, sondern so richtig. Oben betrug die Sicht vielleicht noch zwanzig Meter.
Und dann passierte etwas, das ich so noch nie erlebt habe.
An der Passhöhe fuhr ich innerhalb von wenigen hundert Metern praktisch aus 18 Grad, Nässe und Nebel direkt in strahlenden Sonnenschein und knapp 30 Grad hinein. Ich habe sofort gemerkt, wie die Sonne auf mich herunterbrannte. Mit dem Wetter änderte sich auch die gesamte Landschaft. Es fühlte sich an, als wäre ich innerhalb weniger Minuten in einer völlig anderen Region angekommen.
Heute ist deshalb auch wirklich Ruhetag. Keine Laufeinheit. Auch wenn langsam wieder die Lust auf Bewegung zurückkommt.
Überrascht bin ich vor allem davon, wie gut sich meine Beine anfühlen. Ehrlich gesagt hatte ich fest damit gerechnet, heute mit einem ordentlichen Muskelkater aufzuwachen. Stattdessen merke ich vor allem das Energiedefizit. Laut Garmin habe ich gestern über 7200 Kilokalorien verbrannt. Ich kann ziemlich sicher sagen, dass ich die nicht wieder gegessen habe.
Ansonsten geht es mir aber richtig gut.
Jetzt warten die ersten richtig heißen Tage auf mich. Ich bin gespannt, wie mein Körper darauf reagiert und wie gut ich mit den Temperaturen zurechtkomme.
Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit.
Haut rein!